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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1874-01-01 · 1.1874 · p. Seite 5

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1.1874
Date
1874-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 und reicht hinunter bis in die unmittelbare Gegenwart. Die Kunde von der Urzeit des Judenthums ist vielfach umklungen von dem Dichterworte der Sage zu uns' gelangt. Aber in dem Keimpunkte und seiner Entwickelung ist wesentlich schon die ganze spätere Entfaltung vorgebildet, darum müssen wir das Geheimniss des Werdens belauschen, so keusch und schamhaft es sich im Dunkel verbirgt. Das rechte Verständniss der offen daliegenden Folgezeit wird nur erlangt, wenn die Anfänge in ihrer Entstehung zur Erkenntniss gelangen. Die Geschichte als Wissenschaft muss hier voraussetzungslos zu Werke gehn, ohne vorgefasste Meinung muss sie nach den auch sonst angewendeten kritischen Gesetzen prüfen, und je tiefer sie von dem Segen und dem weltgeschichtlichen Einflüsse des Judenthums sich durchdringt, um so sorgsamer muss sie dem Ursprünge nachgehn und das allmälige Wachsthum verfolgen. Die Geschichte des Judenthums zerlegt sich in vier Perioden. Die erste ist die der freien schöpferischen Gestaltung, die Zeit der Offenbarung, bis zum Abschlüsse der biblischen Bücher; sie gränzt sich im Ganzen mit dem Exile ab und dehnt sich dennoch durch ihren Nachwuchs weit darüber hinaus. Die zweite ist erfüllt von der Ausarbeitung des ganzen biblischen Vorrathes, von dessen Gestaltung und scharfer Ausprägung für das Leben und dessen Einbildung in dasselbe, sie ist die Zeit der Tradition, vom Abschlüsse der Bibel bis zum Abschlüsse des babylonischen Thalinud. Ihr folgt die dritte, als die der peinlichen und mühsamen Beschäftigung mit dem Gegebenen, zu dessen Neugestaltung und innerlich freier Fortbildung man der Kraft entbehrt, sich auch die Befugniss abspricht, die Zeit der starren Gesetzlichkeit, bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. Von da an beginnt die vierte, die neuere Zeit, in deren Mitte wir uns noch befinden, die Zeit der Belebung und Befreiung, der geistigen Erweckung und des Dranges zur Ergründung in der Wissenschaft, zur Fortentwickelung im Leben durch Vernunftgebrauch und geschichtliche Forschung, die Zeit der Kritik, die ihre Arbeit begonnen und noch lange nicht erfüllt hat. Zur Erfassung der zwei letzteren Geschichtsperioden liegen uns für Thatsachen und Anschauungen schriftliche Denkmale in reicher Anzahl vor, die' theilweise noch durch Zeugnisse der ausserjüdischen Geschichte controlirt werden können; auf festem historischem Grunde stehend, können wir den Faden der Entwickelung leichter finden und darlegen. Schwieriger ist die Aufgabe für die zwei ersten Zeitabschnitte, für welche die Hülfsmittel spärlich, die Ueberlieferungen weniger zuverlässig sind, während sie gerade, als die grundlegenden für alle Folgezeit, von überwiegender Wichtigkeit sind. 1. Vor Allem müssen für die Offen bar ungs zeit die äussern und inneren Bedingungen der Entwickelung erkannt werden. Der kleine Landstreifen, Palästina, auf dem das Judenthum erwächst, lag in der Mitte zwischen zwei grossen Weltreichen, die zugleich massgebende Culturstaaten sind, zwischen Aram und Aegypten; sie zwängen den Binnenstaat in enge Gränzen ein, aber sichern ihm auch durch gegenseitige Eifersucht längere Zeit seine Selbstständigkeit. In dem mächtigen Drange zur Selbsterhaltung und Unabhängigkeit schärft sich das Nationalgefühl in den aus Aram eingewanderten, zum Theile auch zeitweilig nach Aegypten gedrängten Stämmen, das im Kampfe mit den Urbewohnern noch mehr erstarkt. Unter den Stämmen selbst, die erst allmälig ihre festen Sitze gründen jenseits wie diesseits des Jordan, erwacht nicht minder die Eifersucht um die Hegemonie. Die roheren und sinnlicheren, zuerst freilich erstarkend und Obmacht erlangend, müssen der siegenden Kraft des entfalteteren Geistes weichen, und in Juda kommt das Princip der strafferen Volks- und Staatseinheit, des einen Tempels und des einzigen Gottes zum vollen Siege. Den Stufen der inneren geistigen und religiösen Entwickelung, die nur dem wunderbar erleuchteten Volksgenius in solcher Weise aus rohen Anfängen gelingen kann, muss in den geschichtlichen Thatsachen und den geretteten schriftlichen Denkmalen, jener herrlichen Literatur, die kindlich und erhaben zugleich, schlicht und von den höchsten Ideen getragen, nachgegangen werden. Die allgemeine [Einleitung zeichnet nur in grossen Strichen dieses edel gesättigte Bild.

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