Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1.1874
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 I. Die erstere wurde in den sprachwissenschaftlichen, literaturgeschichtlichen und philosophischen, religiös-ethischen Theil zerlegt. Die hebräische Sprache war als der Wortausdruck des jüdischen Gedankens zu betrachten. Sie enthüllt in ihrem Baue, in ihrem Satzgefüge, in ihrem Wortinhalte, in dem Zasummenhange der Wortbedeutungen den innersten geistigen Volkstrieb; der geistige Horizont gränzt sich in ihr ab, die Gemüthsvertiemng findet in ihr den innigen Ausdruck, sie giebt Kunde von der Sinnigkeit und Innigkeit, von dem Ausblick und der Sehnsucht des Volkes, wie umgekehrt von dessen Haften an der Sinnlichkeit. Das vollbewegte Leben pulsirt in ihren Wort- und Satzbildungen. Die Geschichte der Sprache, die Umwandlung die sie erfahren, die Aenderungen in der Wortbedeutung und der Construction sind Abspiegelungen der Entwichelung im geistigen Leben, Blüthe und Verfall prägen sich in ihr aus. Zur vollen Erkenntniss ihres Wesens gelangen wir erst durch den Einblick in ihren Zusammenhang mit den Schwester sprachen, in die allen gemeinsame Stammeseigenthümlichkeit, bei der aber dennoch die Besonderheit und Selbstständigkeit des Hebräischen um so klarer hervortritt. Während das Assyrische und das Phönizische mehr Erklärung erwarten als Aufhellung bieten, sind das Aramäische und das Arabische reich genug, um ebenso zu spenden wie sie empfangen. Die gegenseitigen Beziehungen, in welche die Hebräer mit den Aramäern in älterer, mit Arabern in jüngerer Zeit getreten sind , haben die gegenseitige Einwirkung noch verstärkt. Von vorzüglicher Bedeutung ist die Geschichte der hebräischen Sprachwissenschaft unter den Juden; die Geschichte der grammarischen und exegetischen Behandlung bietet zugleich ein volles Spiegelbild für die Geschichte des Judenthums. Zuerst herrscht ein durch üeberlieferung sich fortleitendes Verständniss der Sprache, das ohne wissenschaftliches Bewusstsein ist, sich hingegen mit dem Verlangen paart, Wort und Satz den gegenwärtigen Vorstellungen und Feststellungen anzupassen und danach zu deuten. Erst mit der arabischen Zeit beginnt eine wissenschaftliche Erkenntniss der Sprache, und gelangen wissenschaftliche Grundsätze für die Erklärung zur Anerkennung, welche nur hie und da durch philosophische Voraussetzungen getrübt werden. Mit ihr fast gleichzeitig und ebenbürtig tritt in Nordfrankreich die Grammatik und Exegese des gesunden Menschenverstandes auf, die weniger reich an wissenschaftlichen Mitteln, durch eine nüchterne Naivetät zu klarer Erfassung und zu tiefem Einblicke gelangt. Provenzalische Gelehrsamkeit nimmt die Ergebnisse aus den Vorarbeiten dieser beiden Schulen auf, vereinigt sie zu populärem Verständnisse und weiter Verbreitung. Nach einem tiefen Verfalle während einiger Jahrhunderte tritt Massorah, Grammatik und Kritik in fast unbewusster Aeusserung im Zeitalter des Humanismus wieder neu hervor. Die Sprachwissenschaft breitet sich über die christlichen Kreise, schwillt dort mächtig an und vertieft sich; erst in neuester Zeit beginnt das Judenthum wieder an dem wissenschaftlichen Verkehre regeren und hoffentltch auch selbstständig fordernden Antheil zu nehmen.-- b. Die That des Judenthums ist seine Geschichte. Sie enthüllt nicht mit einem Male, nicht von vorn herein die ganze in ihm ruhende Fülle, sie entfaltet sie vielmehr erst allmälig in der Folge der Zeiten. In der Zusammenfassung dieser einzeln hervortretenden Aeusseruugen wird erst die treibende Kraft nach ihrer ganzen schöpferischen Anlage erkannt. Im Ringen, in der Entwicklung, im Kampfe und Siege oder in der Ermattung und Niederlage bekundet sich die Kraft oder die Ohnmacht des Geistes. Als Theil einer Wissenschaft des Judenthums ist diese Geschichte nur eine Geschichte der Geistesthaten; die äussere Volksgeschichte wie die spätere der Volkstrümmer und ihrer Erfahrungen ist von aussei halb liegenden Factoren abhängig, die Geschichte der Juden zumal, selbst zur Zeit der Selbstständigkeit des jüdischen Volkes, beweist wenig staatbildende Anlage nach Innen und war von sehr geringem Einflüsse auf die Entwicklung der allgemeinen Staatsverhältnisse. Nur als mächtig einwirkende Bedingung für die innere Entwicklung niuss die äussere Lage gewürdigt werden. Eigenartig -ist diese Geistesgeschichte. Sie ragt in die, dunkle Vorzeit des Alterthums hinauf