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KC-Blätter · 1932-11-01 · Heft 5 (November 1932) · p. Seite 100

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1932
Issue
Heft 5 (November 1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 100 (sequence 6)
Language
German
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100 K. C. «Blätter tausendjährigen Weltkrieg gegen ganz Europa geführt. Dadurch hat es ein Recht, sich als Heldenvolk ersten Ranges zu fühlen. Wer gerecht ist, must dies anerkennen. Denn Krieg und Kampf ist zweierlei. And Kriege sind nicht die einzigen Prüfsteine der Tapferkeit. Den meisten Menschen wird es leichter scheinen, in den Krieg zu ziehen, als angesichts des Scheiterhaufens ihre Aeberzeugung nicht preiszugeben. Auch die Reigung der meist m Juden zu einer internationaleren Einstellung ist unbestreitbar. Ihre Verwandten sind über die ganze Welt zerstreut, sie kennen als Handelsvolk fremde Länder und fremde Völker und verfügen so meist über einen internationaleren Horizont als die Nichtjuden der gleichen Bildungsstufe. So bilden sie ein natürliches Band zwischen den Völkern und sind als Vermittler der nationalen Kulturen besonders geeignet. Aber gerade dieser Kosmopolitismus wird ihnen von den Nationalisten vorgeworfen. Noch vor kurzem war es eine Auszeichnung, Kosmopolit genannt zu werden. Heute ist an dessen Stelle das Wort Internationalist getreten. Ls ist keine Auszeichnung mehr, sondern eine Herabsetzung. In einer Zeit des allgemeinen Nationalismus ist der Internationalismus ebenso verächtlich, wie es die Toleranz im Zeitalter der Glaubenskriege war. Heute wird Europa von der nationalistischen Ideologie beherrscht, wie vorher vom religiösen Fanatismus. Diese nationalistische Epoche ist noch sehr jung. Sie entstand in der französischen Revolution und in den napoleonischen Kriegen. Sie fand ihren Höhepunkt im Weltkrieg. Sie steht heute im Kamps mit sozialen Ideologien. Niemand kann wissen, wann und durch welche Ideen sie abgelöst wird. Aber so lange sie herrscht, wertet sie Kosmopolitismus und Pazifismus als Ketzereien. Der Antisemitismus, der früher als Ablehnung der jüdischen Religion aufgetreten war, erscheint in seinem neuen Gewand als Ablehnung der jüdischen Nation oder des jüdischen Internationalismus. Die Biologie wird herangezogen, in diesem Prozeß das Erbe der Theologie zu übernehmen; und immer finden sich Gelehrte dazu bereit, durch wissenschaftliche Formeln politischen Wünschen entgegenzukommen. Wer dies bezweifelt, braucht nur die Kriegsliteratur nachzublättern: er wird dort die Namen der hervorragendsten Gelehrten Europas finden, die mit dem ganzen Rüstzeug ihrer Wissenschaft die biologische und kulturelle Minderwertigkeit der Europäer jenseits der Schützengräben zu erweisen suchten. And die Völker haben daran geglaubt — wie sie heute noch den antisemitischen Thesen glauben. Ghetto. Von I. Kiefer (Worms a. Rh.) Ein Freund sandte mir die letzte Nummer der K. E.-Blätter, mit roten Strichen auf den Artikel „Ghetto" aufmerksam machend. Sein Verfasser ist mir von seinem hiesigen Aufenthalt her bestens bekannt und seine Anregung um so erfreulicher, als zu einer Diskussion unbenutztes Archivmaterial reichlich zur Verfügung steht. Nichtig bemerkt Dr. Oppenheim, daß Worms für den Begriff des Ghettos nicht maßgebend sein kann. Das Wormser Ghetto entstand unter ganz anderen Voraussetzungen als sonstwo. Wegen der Verschiedenartigkeit der Gebräuche zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung, siedelte sich die erstere an der Peripherie der Stadt an und wohnte dort in einer Gasse zusammen. Einzigartig ist, daß den Juden erlaubt wurde, beim Bau ihrer Häuser die Stadtmauer mitzubenutzen, eine Eigentümlichkeit, die sich bis zur Jetztzeit erhalten hat. Eine „porta judeorum“ wird schon 1080 erwähnt, ein Beweis dafür, daß das Zusammenwohnen nicht die Nachwirkung der Judenverfolgungen von 1096 war. Vor der Stadtmauer lagen nordwärts Gärten, Weinberge und Wiesen, zu denen man durch das nahe gelegene Martinstor gelangte. Südlich war das Iudenviertel gleichfalls von Gärten begrenzt, die aber zu den Häusern begüterter christlicher Anwohner der nächstgelegenen Gassen gehörten. Ganz bestimmt war der Druck, unter denen die Juden zu leben gezwungen waren, nur ein zeitweiser, während sonst ein absolut erträgliches Zusammenleben mit der Außenwelt bestand. Aus der Kette der Beweise

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