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KC-Blätter · 1932-11-01 · Heft 5 (November 1932) · p. Seite 99

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Journal
KC-Blätter
Volume
1932
Issue
Heft 5 (November 1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 99 (sequence 5)
Language
German
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K. C.-Blätter 99 auswirken konnte» richtete er sich zunächst gegen die deutschen Juden, die ohne internationalen Schutz diesen Verfolgungen, Verleumdungen und Beschimpfungen wehrlos gegenüberstanden. Noch stärker äußerte sich diese Verwendung des Judentums als Blitzableiter des aufgespeicherten Nationalhasses in Ungarn: weil man die wirklichen nationalen Feinde, die Rumänen, Tschechen, Serben, Franzosen, Italiener, Engländer, nicht verfolgen konnte oder durfte, richtete sich der Nationalhaß gegen die Juden und wandelte sich in Antisemitismus. Da in Deutschland und Ungarn die Juden die gleiche Muttersprache sprechen wie die Nichtjuden und die gleichen Gebiete seit vielen Jahrhunderten bewohnen, mußten besondere Theorien gefunden werden» um ihnen ihr Deutschtum oder Ungartum abzusprechen und sie wie Ausländer bekämpfen zu dürfen. Um den Eindruck der Rückschrittlichkeit zu vermeiden, wurde das religiöse Moment meist beiseite geschoben. Statt dessen suchten künstliche Rassentheorien die Kluft zwischen Juden und Nichtjuden zu vertiefen und den nationalen Gegensatz in einen Rassengegensatz zu verwandeln. Damit fühlten sich die Nationalisten berechtigt, die Juden nicht nur ebenso zu verachten wie die anderen fremden Völker, sondern sogar mehr. Der nationale Größenwahn durfte sich ungehemmt austoben und in einem Rassenmythos verankern. Die antisemitischen Rassentheoretiker zogen aber aus ihren Theorien nicht die logische Konsequenz, in Engländern. Franzosen und Italienern ihre Vettern zu erkennen und zu respektieren — sondern sie bedienten sich dieser Rassentheorie nur gegen die Juden, Während sie ihrer gegen Nichtjuden vergaßen. In Deutschland und Angarn wirkte sich der nationale Chauvinismus am stärksten als Judenhaß aus, weil nicht genügend nationale Minderheiten im Lande waren, die, wie in anderen Staaten, zu Prügelknaben des Nationalismus hätten dienen können. Denn dem haß gegen die jüdische Minderheit in Deutschland und Angarn entsprach in anderen Völkern der Haß gegen die deutschen und magyarischen Minderheiten, die praktisch gleichfalls vogelfrei waren. Aeberall die gleiche Erscheinung: der Krieg hört nicht plötzlich auf, sondern wird innerpolitisch fortgesetzt. Der Haß wirkt noch eine Zeitlang fort und bewegt sich praktisch auf der Linie des geringsten Widerstandes, gegen wehrlose Menschengruppen. So ist der Nachkriegsantisemitismus zum Teil eine Fortsetzung der Kriegspsychose, des übersteigerten und überhitzten Nationalismus. Der antisemitische Nationalhaß hatte aber noch ein zweites Gesicht. Die Juden wurden nicht nur als Nation bekämpft, sondern zugleich als Jnternation, als Negation der nationalen Idee. In diesem Sinne war der Judenhaß der deutschen Nationalisten um eine Dimension tiefer als ihr Franzosenhaß. Den Juden wird pazifistische und internationalistische Einstellung vorgeworfen. Diese Einstellung ist ein natürliches Ergebnis ihrer Entwicklung und ihrer Lage. Sie sind seit fast zwei Jahrtausenden entwaffnet. Seither sind sie nicht mehr Subjekte der Kriege, sondern nur Objekte. Sie können nicht durch den Krieg siegen, sondern nur durch den Krieg leiden. Kriege wurden nicht für ihre, sondern für fremde Ideale geführt. Sie aber mußten seit Generationen die Kriege anderer mit ihrem Geld und oft auch mit ihrem Blut bezahlen. Das letzte tragische Beispiel war der russischpolnische Krieg, der die furchtbaren Judenmorde in der Akraine zur Folge hatte. Niemand kann sich unter diesen Amständen wundern, daß die meisten Juden heute lieber für den Frieden eintreten als für den Krieg. Denn es ist selbstverständlich, daß Völker, die seit zwei Jahrtausenden vom Kriegsdienst ausgeschlossen sind, weniger kriegerisch gesinnt als Völker, denen seit der Arzeit ununterbrochen kriegerische Ideale gepredigt werden. Dennoch Ware es ein Anrecht, den Juden aus diesem Grunde Feigheit vorzuwerfen. Das Judentum darf diesen Vorwurf verachten. Es hat durch Jahrhunderte auf Scheiterhaufen und in Folterkammern bewiesen» daß es dort, wo es sich um seine eigenen Ideale handelt, keinem Volk der Erde an Tapferkeit nachsteht. Es hat um feines Glaubens willen einen zwei-

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