KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 1 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2268830-2269009-2269010--3406-2273444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Noch ein Wort zum „Inneren Motive". Warum steigen wir zu Berge, warum nehmen wir all die Mühen und Gefahren auf uns? Es wird keiner eine bindende Antwort geben können. Hier und da wird das sportliche Moment durchblicken, mancher wird aber einfach sagen: „Weil» mich freut!" Die alpine Tat geschieht um ihrer selbst willen, ohne Zwang und Ziel! Ist das innere Verständnis, die innere weltanscl-aulich gebundene Einstellung zum Alpinismus da, so werden sich die drei Komponenten, von denen ich gesprochen habe, am Menschen auswirken. II. Von jüdischen Bergsteigern. Der -Alpinismus hat seine stärkste Anhängerschaft in Deutschland und Oesterreich gefunden. Kleber lüOCOO Mitglieder hat allein der Deutsche und Oesterreichische Alpenverein. Rechnet man die übrigen Touristenvereine noch hinzu, so ist eine Zahl von 250(XX) Bergsteigern deutscher Zunge nicht zu hoch gegriffen. Daneben erscheinen die Ziffern der übrigen Nationen gering. Natürlich ist nicht jedes Mitglied des Deutschen und Oefterreichisäxn Alpenvereins Bergsteiger in unsercrn Sinne. Die eigentliche „Gilde" ist vielmehr wohl auch im deutschen Sprachgebiet nur wenige tausend Mann stark. Tatsächlich hat aber der deutsche Alpinist, besonders in Gestalt des deutschen .führerlosen" den Engländern, den eigentlichen Begründern des Alpinismus, das ..Blaue Band" der Alpen bereits geraubt. And der Anteil der deutschen Juden an dieser Bewegung? -Als die ersten Bahnbrecl)er in der zweiten Haine des neunzehnten Jahrhunderts ihre kühnen Entdeckungssahrlen begannen, waren die deutschen Juden gerade dem Zwange des Ghettos entronnen. Die Tore der Freiheit standen scheinbar offen da. aber siehe, es war nur eine scheinbare reiheil; ein jedes gute Recht mußte noch einmal mit Zähigkeit neu errungen werden. Da gab es Kampf genug, Kampf um politische, Wirtsätastliclie. gesellschaftliche Rechte, vielfach zermürbender Kampf, Und man brauchte nicht die Tat im Hochgebirge zu suchen, man fand sic im -Bekenntnis. Jude zu fein, an jedem Tage im Staube der Straße. Dazu halte die jahrhundertelange Gefangenschaft im Ghetto den Körper geschwächt, die Kräfte nicht zur Entfaltung gelangen lassen, batte man den Streit mit geistigen Waffen dem körperlichen -rvetlbewerbe vorgezogen. Die übergroße Zärtlichkeit der EUern zu ihren Kindern, die sich auch bei der Gründung der K. E.-Berdindungen ln den achtziger Jahren zeigte und diesen hinderlich lm Wege stand, verhinderte auch hier viel junge Elemente, sich im entscheidenden Augenblicke der ausblühenden Bewegung qnzuschließen. So war der Jude nicht prädestiniert für den Alpinismus. Und er blieb ihm fern. Vielleicht auch schon deswegen, weil er gar nicht darum wußte. Der Berus des Naturwissenschaftlers, der im Anfang viel Gelehrte von selbst zu Bergsteigern machte, war ihm noch verschlossen. Dazu kam. daß das Bergsteigen damals noch mit sehr erheblichen Kosten verbunden war, die sich höchstens der von hohen Gönnern unterstützte oder im Staatsaustrag reisende oder der selbst begüterte, bereits von der Idee ergriffene Alpinist leisten konnte. Das erstere kam für den Juden kaum in Frage, das zweite jedoch auch nicht, denn die breite Masse der deutschen Iudenschaft war damals noch arm, gerade im Aufbau ihrer Vermögen begriffen. die sie dem Mittelstände einverleiben sollten. Diese hatte daher keine Zeit zu solchen Dingen. Die reichen Familien dieser Zeit aber hatten andere Interessen. Sie reisten wohl, aber ohne ihre Bequemlichkeit aufgeben zu wollen. Zu alledem kam, daß allen Kreisen des Judentums in der Entwicklungszeit zweifellos jeglicher -Anschluß an die Alpinisten der Zeit gefehlt hat, ein Moment, das auch für die spätere Zeit wohl 5u beachten ist. Mit der fortschreitenden Emanzipation und dem allmählichen Hiueinwachseu in die deutsche Kultur- und Gesellschaftssphäre wurde auch der deutsche Jude an der alpinen Bewegung interessiert. und als in den achtziger und neunziger Jahren in allen größeren Städten Sektionen des Deutschen und OestLrreichischen AlpenvereinS gegründet wurden, sahen sie sehr bald auch jüdische Mitglieder in ihren Reihen. Es war dieS begreif» Ucherweise nur eine kleine Schar, immerhin haben besonders die Sektionen Frankfurt und Berlin eine Reihe tüchtiger jüdischer Bergsteiger hervorgedracht. Weit größer schon war die Zahl der jüdischen Bergsteiger in den Aipenstädten München und Wien. Hier traten im Lause der Zeit eine Anzahl hervorragender jüdischer Alpinisten aus. die zu den besten ihrer Zeit gehörten. Ich nenne nur die Namen: Dr. Aisred Dessauer. Otto Margulies. Ingenieur Guido Mayer und dessen Bruder Max Mayer. Dr. Gottfried Merzbacher. Dr. Fritz Pflaum. Dr. Paul Preuß. Niemand wird dle überragende Stellung dieser Männer wegleugnen können. Doch ist ihre Atrzahl relativ klein. Ader auch die allgemeine Beteiligung der deutschen Juden am AlplnlSmuS ist nicht so groß»