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KC-Blätter · 1928-07-01 · Heft 1 (Juli 1928) · p. Seite 7

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Journal
KC-Blätter
Volume
1928
Issue
Heft 1 (Juli 1928)
Date
1928-07-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7 Der Nervenapparat des Menschen saugt neue Kräfte aus der Frische und Reinheit der Luft. Es braucht wohi kaum gesagt zu werden, daß dieses Moment überall dort versagen muß, wo Massenbetrieb und Berghotel sich eingenistet haben, wo die Stadtgebundenheit nur auf einen höheren Platz verlegt wurde. Das ästhetische Moment ruht im Erfassen der Schönheit der Natur, im künstlerischen Begreifen des Landschaftsbildes in seinem tausendfältigen Wechsel, aber auch im Begriff des Erhabenen in der Bergwelt. Das Walten mächtiger Naturkräste, das Erlebnis eines Hochgebirgsgewitters, eines Lawinensturzes, regt im Menschen, beders im Künstler, im Maler und Dichter die schassenden Elemente an. So entstanden Werke von der Abgeklärtheit eines C. D. Friedrich, eines Egger-Lienz, so ließ die Romantik die transzendentale Gedankenwelt eines I. A. Koch in wildschönen Naturbildern sich auswirken und schuf schließlich die Neuzeit die wuchtigen Hochgebirgslandschaften eines Fritz Bär, H.B. Wieland oder Lovis Corinth. Der Dichter sieht noch tiefer hinein in das Geheimnis des Geschehens und formt es um zu Worten seines Mundes. Friedrich Nietzsche, der Bergwanderer von SUs Maria, lieh dem Einsamen im „Zavatustra" seine Stimme. Byrons „Manfred" sah bereits wieder die Anfänge einer neuen Bergreligion. Goethes Winterbesteigung des Brockens und seine Schweizer Reise werden für ihn zum großen bergsteigerischen Erlebnis. Auch Heinrich Heine gab im Prolog zur „harzreise" eine empfindsame Schilderung der Bergesfreuden. Diese wenigen Beispiele sollen genügen. Wie tief die Hochgebirgswelt auch auf den Musiker wirkt, zeigen die Briese Richard ^Wagners aus seiner Schweizer Zeit?) Richard Strauß gab in der „Alpensymphonie" seinem Bergerleben tönenden Ausdruck. Die ästhetische Seite im Bergsteigen regt den Schönheitssinn im Menschen an. Sie sott aber nicht, um ein Wort Gottfried Keilers zu gebrauchen, zu „passiver Naturschmökerei" werden. „Dieses oberflächliche und gedankenlos« Wohlgefallen". sagt Lämmer»), „wirkt nur aushöhlend und verweichlichend. Es ist unser unwürdig, die wir aktive Menschen sind." Welt bedeutsamer alS daS psychologische und daästhetische Moment beim Bergsteigen ist der Einfluß auf den EthoS des Menschen und da. mit auf seine Eharakterdiidung. •) Dr. H. Braunstein: Richard Wagner und die Alpen. Rachr. d. Av. Donauland Rr. 79, Wien 1928. *) Siehe Lämmer a. a. D. Kaum eine Tätigkeit kann so die Erziehung zum Willensmenschen gestalten wie der Alpinismus. Eiserner Witte gehört zum Bergsteiger. Die alpine Tat fordert Ausdauer und Geistesgegenwart, Mut und Selbstbezwingung, ein oft restloses Selbstvertrauen auf die eigene Kraft in oft selbstgewollter Gefahr. Niemand konnte dies besser deuten als der Philosoph des Individualismus, Friedrich Nietzsche, mit den Worten: „Kein Pfad mehr, Abgrund rings und Totenstille. So wolltest du's! Vom Pfade wich dein Witte. Nun Wandrer gilt's! Nun blicke kalt und klar. Verloren bist du, glaubst du an Gefahr!" Zur Ausbildung des Wittens tritt die Betrachtung des eigenen Ichs, die Selbstbesimtung, die ich bereits erwähnt habe als Folge der Einsamkeit. Eines der höchsten Ideale der Menschheit ist die Treue. Treue vom Freunde, zum Kameraden ist wohl eines der schönsten Früchte, die aus dem Bergsteigen naturnotwendig ersprießen müssen. Die Pflichten dem Gefährten gegenüber sind das höchste, waS ein wahrer Bergsteiger kennt. Das Vertrauen muß jede Angst, jeden Rest von Furcht am gemeinsamen Seile auSschließen. Deshalb halt Bergkameradschaft auch fester als Blutsverwandtschaft, fester als mancl>es andere Band, das Freundschaft ketten sott. „Wer es gelernt hat", sagte einmal Josef Enzensperger. der erste Zugspitzmeteorologe und bekannte Alpinist, „jede Gefahr mit dem Freunde biS zum letzten Tropfen auSzukoften. dem Gefährten unter Einsetzung des eigenen LebenS jede Möglichkeit zu geben, sein Leben zu retten, lver das köstliche Gefühl der Sicherheit und des blinden Vertrauens kennen gelernt hat. das auch alt tollster Stett« dem anderen Schutz und Hilfe bis zum letzten gibt, der hat die schönste Wunderblume gesunden, die das Leben tu den Bergen schenkt, die nie versagende wahre Treue gegen den Freund auf Leben und Tod." Erkenntnis führt zur Demut. Treue zur Bescheidenheit. Tat zum Selbstvertrauen. Demut und Bescheidenheit im Seidstvertranen aber zu Gott, zur Erkenntnis einer göttlichen Macht, einer wallenden Gesetzmäßigkeit. Wie in der Urzeit der Mensch die Götter aus den Gipfeln der Berge verehrte, wie David sang zum Herrtt: „Spende Dein Licht und Deine Treue, daß sie mich geleiten und bringen zu Deiitem heiligen Berget" (Ps. 43). so sinkt, wie Mose im anfgebenden Sonnenlichte, gebeugt vor der unergründlichen Erhabenheit und Macht des WeltenherrscherS der Bergsteiger in di« Knie.

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