KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 2 (Februar 1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 51 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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K. C.-Blätter 51 mißverstandene Lehr- und Lernfreiheit. Gewiß, die Freiheit der Forschung wird wohl überall anerkannt, aber schon bei der Lehre kann es Konflikte geben; daß man endlich aber auch das Lernen nicht pädagogisch regelt, sondern der freien Initiative des Studenten überläßt, scheint dem Außenstehenden höchst unpraktisch und unbegreiflich. Gewiß liegen hier Bedenken vor, aber daran kann kein Zweifel bestehen, daß sich das ganze System einheitlich auf einem letzten, fast religiösen Postulat aufbaut. Der Wissenschaft kann man nur in freier Zucht und in eigener Verantwortung dienen." Wer solche Worte sprechen konnte, wer mit diesen Sätzen von fast poetischem Klang das Wesen der Lochschule und damit seiner eigenen Lebensarbeit umriß, der brauchte nicht eines besonderen Nachweises, wie ihm die Freiheit auch der Studenten nicht nur ressortmäßig zugewiesene Aufgabe, sondern inneres Betätigungsbedürfnis war. Becker ist für die Studentenschaft hervorgetreten in dem Kampf um die studentische Selbstverwaltung als ihr erster Schöpfer und ständiger Förderer. Wenn man ihm zum Vorwurf gemacht hat, daß er bei der berühmten Abstimmung über die studentische Verfassung diesem Prinzip untreu geworden sei, dann geschah ihm auch hier, wie so oft, bitter Anrecht, im Gegenteil, diese Abstimmung stand für Becker geradezu im Zeichen der unbegrenzten Freiheit der Lehre und des Lernens. Gleiche Rechte für alle deutschen Studenten, das war sein höchstes Ideal. Er war der wahre deutsche Professor, der die wirklich nationalen Interessen im höchsten Sinne nie aus dem Auge ließ, den aber seine wissenschaftliche Forschung gelehrt hatte, über die Grenzen seines Landes und über seine eigene persönliche Weltanschauung hinauszufinden. Für den Entwicklungsgang von Carl Leinrich Becker, der 1876 in Amsterdam geboren ist, ist bedeutungsvoll geworden, daß er entscheidende Jahre in Lolland lebte und den Einfluß des großen und universellen holländischen Islamisten Snouck Lurgronje erfahren hat, und außerdem als Sohn eines großen Kaufmanns den Blick über sein Land hinaus. gelenkt erhielt. Er hat den Islam, dem seine wesentlichen Studien galten, als Kulturgröße und Kulturmacht erfaßt und hat die großen Linien in dessen Geschichte aufzuweisen verstanden. Demgemäß hat er sich auch viel mit der Gegenwart und den Zukunftsmöglichkeiten des Islam in seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt. Seine Lochschulpolitik war nur ein Teil seines Wirkens, und wenn er heute von unseren Gegnern verachtet wird, weil er angeblich die nationalen Belange der deutschen Lochschule nicht genügend gewahrt hat, dann vergessen seine Gegner von heute, was sie d.ese n Manne verdanken, dessen ganzes Streben darauf gerichtet war, in den Zeiten schwersten politischen Kampfes ihre alte Freiheit zu wahren. Manch einer von denen, die ihn heute verketzern, würde seinen Lehrstuhl nicht mehr inne oder ihn nie erhalten haben, wenn nicht ein Mann im preußischen Kultusministerium gesessen hätte, dem die Freiheit der Forschung und die Freiheit der Lehre auf den deutschen Lochschulen vor allem anderen stand, und dem keine weltanschaulich noch so schön bemäntelte Begründung Anlaß sein konnte, ihm im Augenblick mißliebig erscheinende Personen von der Lochschule zu verjagen oder auszuschließen. Dabei war er aber nicht dogmatisch auf das alte eingestellt, und wie er in der studentischen Selbstverwaltung eine Fortentwicklung des Gedankens der Lernfreiheit sah und forderte, so war er bestrebt, durch eine von der Volksschule her aufbauende Schulreform auch deren Schülern die höchsten Bildungsmöglichkeiten der Nation zu erschließen/wenn sie über die Grundvoraussetzung verfügten, die ihm über allem stand, „das Streben nach dem Gral". In der gleichen Schrift, die oben zitiert ist, gibt Becker weiter unten einen historischen Abriß über die Geschichte der Entstehung der Lochschulverfassung, und er kommt hier nochmals auf den Grundgedanken seiner ganzen Arbeit, die Lehr- und Lernfreiheit zurück. Daß diese Gedanken gerade heute wieder in dem Vordergrund des Streits stehen, rechtfertigt es, noch einmal bei ihnen zu verweilen, denn Beckers Stimme ist verklungen, und so wollen wir wenigstens es als unsere Aufgabe betrachten, seine Gedanken uns in die Erinnerung zurück-