KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 2 (Februar 1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 45 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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K. C.-Blätter 45 Leben und Werk rvie bei manch^ anderem Denker. Der Widerspruch ist nur scheinbar, daß man diesen Bekenner, der die Weltmaßstäbe aus dem Trieb nach Selbsterhaltung und aus dem Streben nach dem Nützlichen ableitete, „grenzenlos uneigennützig" nennen konnte. Denn auch Selbsterhaltung und Nutzen gelten, wie wir sahen, für ihn nur im Hinblick auf das Ganze, aus das Ganze des individuellen Seins, der sozialen Gemeinschaft und letzthin des Weltgrundes. Diese Ausgeglichenheit gibt ihm die heitere Ruhe, das Befreitsein von der Angst vor den Wirrungen des Lebens. Er kann der Freude ihren Anteil lassen, wo alle andern nach Reue und Zerknirschung rufen. Für ihn bedarf es nicht der Bewährung „durch das Feuer der Trübsal'. Er darf bekennen, daß der freie Mensch nicht an den Tod denkt, sondern über das Leben nachsinnt. Denn im All leben ist kein Tod, pnd der Befreite überblickt das Dasein wie eine offene Landschaft von der Bergeswarte her. So wird Leben und Werk ein einziger Ausdruck des Grundgefühls dieser Persönlichkeit, in sich ruhend, geschlossen, ohne abzuirren von dem Wege, der dieser Seele vorgeschrieben ist. Das macht sein Tun und sein Denken beispielhaft groß. Nicht in dem Sinne, daß man ihm Nachfolgen müßte. Dieses Dasein steht jenseits von Zustimmung oder Ablehnung, von Wahr und Falsch. Es erweist seine Echtheit durch sich selbst, dadurch, daß es uns unmittelbar anspricht und im Betrachter aufs neue die Stimmung des Gemüts erzeugt, die seinem Urheber eigen war. „Ich ergab mich dieser Lektüre", bekennt Goethe wiederum von Spinoza, „und glaubte, indem ich in mich selbst schaute, die Welt niemals so deutlich erblickt zu haben." Die Wirkung, die der Künstler im Bereiche der Sinnenwelt, wie der Handelnde im Reiche der Taten, erzeugt, erzeugt der Denker im Bereiche der Weltbetrachtung. Es ist das schönste Vorrecht des Mannes, Baumeister zu sein. Der Sinn seines Lebens ist, der ihm eingeborenen Idee Gestalt zu verleihen, im Formen und Bilden die Bausteine zusammenzufügen. Spinoza erweist den Willen zum Werk und seine Vollendung durch das geschlossene Gefüge seines Denkens und durch sein Leben, dessen Wurzeln in der Einheit des Seins gegründet sind. Eine neue biblische Geschichte Es ist eine in der Entwicklung des jüdischen Geistes bedingte Eigentümlichkeit, daß die Bibel bei den Juden viel weniger Gegenstand der Forschung und der Bearbeitung gewesen ist, als bei den Christen. Im Judentum herrschte von jeher die Anschauung, daß der Talmud und alle spätere Gesetzgebung zugleich auch Ausdruck der biblischen Lehre sei. Und so ist nicht nur die fast komisch klingende Tatsache zu erklären, daß im Mittelalter große jüdische Gelehrte die Bibel lediglich aus den Zitaten im Talmud kannten, sondern daß auch biblische Geschichte, biblische Chronologie, biblische Realienkunde, biblische Theologie zu den Fächern gehören, welche weder im Mittelalter noch in der Neuzeit durch jüdische Gelehrte in auch nur erheblichem Maße bearbeitet worden sind. Alle Energie der jüdischen Wissenschaft wandte sich dem talmudischen Gesetz, seiner Anwendung und seiner Auslegung zu. Daneben wurde höchstens noch die Philosophie, aber auch nur aus theologischen Gründen studiert und bearbeitet. Die Bibel blieb eine Domäne der christlichen Wissenschaft! Und so wenig man auch mit vielen ihrer Ergebnissen übereinstimmen mag, die Gerechtigkeit zwingt anzuerkennen, daß die christliche Wissenschaft für die Entstehungsgeschichte, für die Ausdeutung, für die Philologie und für alle anderen Fächer der Bibel ganz Bedeutendes geleistet hat. Erst in neuerer Zeit besinnt man sich im Judentum auf sein ältestes, sein ureigenes Gut, auf die Bibel. Es sei gerade an dieser Stelle rühmend hervorgehoben, daß zu den bahnbrechenden Gelehrten auch unser Kartettbruder Benno Jakob gehört, dessen Arbeiten über die heilige Schrift in weiten wissenschaftlichen Kreisen Anerkennung gefunden haben. Und es ist darum auf das freudigste zu begrüßen, wenn auf dem einmal beschrittenen Wege weitergegangen wird, und wenn wieder ein ausgezeichnetes Buch eines jüdischen Gelehrten über Fragen der Bibel erschienen ist. Elias Auerbach hat ein Werk geschrieben, das er »Wüste und gelobtes