KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 2 (Februar 1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2268830-2268986-2268988--4431-2273391- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
St. C.-Bliitter 43 Keine Zwecke, das bedeutet: die Dinge sind nicht dazu da, um uns Freude zu machen oder um uns nützlich zu sein. So stehen mir in der Welt, umbrandet von fremden Dingen, die auf uns einwirken und uns leiden machen. Die in uns verworrene Ideen und Affekte erzeugen und uns zu Handlungen antreiben, über die wir nicht Herr sind. Die Leidenschaften halten uns in der Knechtschaft. In ihrem Bann wissen wir nicht um unsere Ohnmacht und begehren auf — es liegt ein erschütternd unausweichlicher Mechanismus in diesem Aufbegehren — und können doch dem Gang des Geschehens nicht Einhalt tun. Uebermah der Freude, Trauer, Begierde: das sind die Stationen des Leidens, durch die jeder hindurch muh, solange er nicht befreit und damit fähig ist, unter der Leitung der Vernunft zu leben. Dieses Befreitsein erst verleiht die Überlegenheit des Geistes, die uns mit Gleichmut ertragen läßt, was nicht in unserer Macht steht. Wir werden als Erkennende nur das erstreben, was notwendig geschehen muh. und nur bei Wahrem befriedigt sein. Spinoza hält konsequent an der Anschauung fest, dah die Seele rein denkender Natur ist. Die Leidenschaften haben also ihren Platz in der Körperwelt als Affektionen, von denen die Seele nur verworrene Ideen hat. Spinoza ist weit davon entfernt, die Körperwelt zu verachten. „Ich wüßte nicht", sagt er einmal in seiner schlichten Art, eine verkehrte Meinung zurückzuweifen, „warum die Materie der göttlichen Natur unwürdig sein sollte." Aber die Sinnenwelt spiegelt sich nur eben in seinem Denken, sie ist ein Schatten aus einer anderen Region, wie denn Spinoza auch eine Einwirkung der Modi des Denkens auf die Modi der Ausdehnung für unmöglich hält. In jedem Bereich herrscht das Gesetz der Kausalität; aber keines kann im andern etwas bewirken. Auch der Wille kann nicht die Leidenschaften bändigen. Wenn wir um die körperlichen Dinge wissen, so allein daher, weil die Ordnung und Verknüpfung der Ideen dieselbe ist wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge. Denn Materie und Denken sind nichts als Attribute der einen göttlichen Substanz, zwei Seiten derselben Wesenheit, wonach auch ihre Modifikationen in der endlichen Welt miteinander übereinstimmen müssen. Wie jedem, der im Denken Zuflucht und Vollendung sieht, sind auch Spinoza offenbar die Wirrungen der Leidenschaften lästig, lästig und quälend wie ihm im Leben — das geht aus einigen sehr charakteristischen Bemerkungen hervor — Geschwätz und Tadelsucht seiner Mitmenschen sind. Aber Spinoza verleugnet seine Besonnenheit auch in dieser Frage nicht, da der Welterfassung in der Befangenheit der Person Schranken gesetzt sind. Der Denker, der die menschlichen Strebungen und Begierden als Naturereignisse betrachtet, muh selbstverständlich besondere Mahstäbe finden, um gut von schlecht zu scheiden. Es ist offenbar, dah alles Lebendige danach ftreot, sein eigenes Sein zu erhalten und seinen Nutzen zu suchen. Es liegt Spinoza ganz fern, diese allem natürlichen Dasein zugrunde liegende Tatsache zu verschleiern. Im Gegenteil: er betont sie nachdrücklich. Spinoza kennt keine Angst vor Worten, ebensowenig wie er sich von bloßen Worten beirren und die Klarheit seiner Erkenntnis trüben läßt. Wahrer Nutzen — das versteht sich bei der Lauterkeit dieses Mannes fast von selbst — ist nicht gleichbedeutend mit augenblicklichem Vorteil, um dessentwitten andere benachteiligt werden oder mit einer Erregung, die nur einen Teil unseres Wesens ansprechen würde. Und Selbsterhaltung bedeutet bei Spinoza keineswegs dumpfes Beharren, sondern Fortschreiten zu gesteigerter Vollkommenheit. Die beiden Prinzipien gehen also im Grunde auf ein und dasselbe: auf die Totalität im Sein, Denken und Handeln. Diese drei Begriffe haben für Spinoza nicht verschiedene Bedeutung. Sie sind das Leben selbst. Gesteigertes Leben bedeutet klareres und deutlicheres Denken und Fähigkeit zum Handeln, das frei ist von fremden Einwirkungen. Daraus folgt die Unterscheidung von gut und schlecht. Schlecht ist alles, was das Leben hemmt und die Denkfähigkeit beeinträchtigt. Gut ist alles, was das Leben fördert und Denken und Handeln frei macht. Alles, was uns DenkstDudaran?!..