KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 2 (Februar 1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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40 K. C. - Vlätter das deutlichste Beispiel für den Verlauf dieser eigenartigen Kulturwelle. Selten wohl ist auf einem kleinen Gebiet und in kurzer Zeit so viel und mit solcher Qualität gemalt worden. Es finden sich erlauchte Namen, deren Werk späteren Zeiten noch Wege weisen konnte: Rembrandt, Franz Hals. Vermeer van Delft, um nur die größten zu nennen. Aber seltsam: nach einer verhältnismäßig kurzen Zeitspanne versinkt das blühende Leben in nichts. Nicht einmal bescheidene Nachklänge sind im Bewußtsein der Zeiten geblieben. Es ist eine Kultur mit spezifisch bürgerlichem Untergrund. Das Bürgertum, das im lebten Jahrhundert völlig versagt hat. Geistesfreibeit und Liebe zur Kunst als schöne Worte im Munde führte, praktisch aber der -emmschuh alles Bedeutenden war. hat einige Male in der Geschichte in begrenztem Kreise und unter gewissen Bedingungen. die hier unerörtert bleiben können. seine Mission erfüllt. Zu jener Zeit fühlt man sich sicher und stark, man gibt jedem, der Anspruch darauf macht, die Freiheit, zu denken, was er will, und zu sagen, was er denkt. Svinoza bezeugt es mit warmer Anteilnahme im theologisch-politischen Traktat: „In diesem blühenden Staate, in dieser herrlichen Stadt" — er spricht von Amsterdam — „leben alle Menschen, welchem Volke und welcher Sekte ne auch angehören, in der vollkommensten Eintracht". Nun. vollkommen war sie nicht, wie der Bannfluch, der Svinom selbst traf, und gewisse theologischpolitische Streitigkeiten, denen wir den eben erwähnten Traktat verdanken, dartun. Aber, verglichen mit Zuständen anderorts, herrscht hier tatsächlich eine ungewöhnliche Gedankenfreiheit, ein Austausch von Meinungen und Anregungen, die aus aller Welt an diesem Punkte zusammenströmen. Auch auf dem Gebiet des geistigen Lebens ist der Höhepunkt bald' überschritten. Es hat sich kaum mehr als eine vornehme Gelehrsamkeit von guter Tradition erhalten. In dieser Fülle der Gestalten vollendet einer in der Stille Leben und Werk, dessen Ruhm die Zeiten überdauerte, obwohl er fast nichts tat, um sich den Blicken der Welt preiszugeben. Ich sage: fast nichts; denn er tat immerhin einiges, da er dachte und schrieb, wenn es auch manchmal wie ein Wunder anmutet, daß fein Werk bis zu uns gedrungen ist. Nach außen hin tat er eher manches, um dem Ruhm und der Anerkennung aus dem Wege zu gehen. Er wollte nichts als die Freiheit. auf. seine Art zu leben und zu denken, und wies alles von sich, was diese Freiheit beeinträchtigen konnte. Daß ihm dies gelang, ist fast ebenso groß wie das Werk, das er hinterließ. Er war bescheiden genug, sich den Lebensunterhalt durch oas Schleifen optischer Gläser zu verdienen. Aber er war auch stolz und selbstsicher genug, um das wenige, was er zu Lebzeiten der Öffentlichkeit übergab, mit der Bemerkung hinauszusenden: . „Das Volk aber und alle, die mit ihm die gleichen Affekte teilen, lade ich nicht ein. dies zu lesen. Ich möchte vielmehr lieber, daß sie dieses Buch überhaupt nicht beachten, als daß sie dadurch lästig werden. daß sie es wie gewöhnlich verkehrt auslegen. Ich spreche von Spinoza, dem einen der drei großen Denker des Barock. Auch das ehrt das kleine Holland, daß es von den wenigen bedeutenden Denkern dieser Zeit einen sich zurechnen konnte und daß er sich freudig als Sohn des Landes bekannte. Wenn ein späterer Philosoph einmal sagt: „Die Geschichte der Philosophen geht neben der der Könige her und zählt hundertmal weniger Namen als diese", so ermißt sich daraus die Gunst der Fügung, die einem so kleinen Erdstrich eine so seltene Gabe zuwies. * Zu jener Zeit schuf man in Holland einen bemerkenswerten Typus des Wohnhauses. Heute noch verleiht er vielen Städten das charakteristische Gepräge. Das Haus steht mit der schmalen Giebelseite der Straße zugewandt. Der Baukörper zeigt im Aufriß zwei oder drei Reihen großer, heller Fenster, die bündig in der Mauer sitzen. Die Proportionen sind wohltuend, die Linienführung klar, von geometrischer Einfachheit, der Ausdruck streift um ein geringes Nüchternheit und Hausbackenheit. Darüber aber hebt sich der spitze Giebel mit dem schwingenden Rhythmus der barocken Voluten. Oder: es finden sich Türme aus jener Zeit, manchmal auf gotischen Kirchen. Sie sind hell, anmutig, ruhen in ihrem