KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 7 (Juli 1931)
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 117 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachr.-Heft K. E.-Vlätter 117 des Problems hin. Beide Begriffe sind lediglich als isolierte Erscheinungen aufgefaßt und in ihren Wirkungen beschrreben worden. Daß sie aber letzten Endes Exponenten zweier ganz verschiedener Kulturauffassungen darstellen, . und daß insbesondere der Staatsgedanke in viel höherem Maße von dem Siege des einen oder des anderen Erziehungsgedankens abhängt, muß betont werden. Wandervogel und Couleurstudent sind lediglich die letzten Ausdrucksformen der beiden Erziehungsrichtungen, die auf der Grundlage des Individualismus und der Persönlichkeit Menschen heranbilden wollen. Der Wandervogel ist der typische Individualist, der seine Eigenart für einen absoluten Wert hält, der dieser Eigenart gemäß leben, sie fortbilden und stärken, aber Bindungen und Gruppenbildung lediglich mit gleichartigen Menschen eingehen will. Der Wandervogelgedanke gestattet keine Nachprüfung des Eigenwertes junger Menschen an absoluten Kulturmaßstäben. Wie einer ist, so soll er sein und bleiben, und in der Unterdrückung der Individualität wird geradezu eine Minderung der Bedeutung erblickt. Gewiß erstehen aus dem unumgänglich notwendigen Zusammenleben mit anderen Menschen Hemmungen, welche die Möglichkeiten, sich auf Grund der Eigenart auszuleben, beschränken. Aber der Erziehungsgedanke des Wandervogels ist so sehr auf den Individualismus eingestellt, daß aus ihm sich zwangsläufig Egoismus entwickelt, der die Färbung des Hochmuts, des Eigenbrötlertums, der Absonderung annehmen kann, je nach der besonderen Veranlagung der Träger. 3m Wandervogeltum wird der Individualegoismus gewiß einem Gruppenegoismus weichen' aber die Kraft, Bindungen einzugehen, ist so sehr auf den Begriff der Gleichartigkeit eingestellt, daß eine wahrhafte Brücke zur Volksgemeinschaft, zur Zusammenfassung von Menschen verschiedener Prägung und Eigenart, die lediglich durch den gemeinsamen Kulturwillen und gemeinsames politisches Streben zusammengehalten werden, nicht besteht. Die'Wandervogelidee wertet die Eigenart des Einzelnen ebenso hoch, daß sie an eine Möglichkeit der Schädlichkeit einer Sonderheit und die Notwendigkeit ihrer Aeberwindung im Interesse des Volksganzen gar nicht denkt. Sie ist imstande, Narrentum und selbst Schlechtigkeit zum Range von anerkannten und notwendigen Wesenseigenschaften zu erheben, sofern nur der Gruppenwille sich dem nicht widersetzt. So ist das Wandervogeltum im Grunde seines Wesens Wirkung jener Mächte, die den Volksgedanken untergraben, weil sie zur Zersplitterung, zur Aeberschätzung der Eigenwertes einzelner Teile und damit zum Anfrieden führen. Der reine Individualismus dieser Bewegung hat, wenn man es genau nimmt, etwas Fatalistisches. Er widerstrebt dem Gedanken einer Erhebung über sich selbst durch Unterdrückung oder Abschaffung von Sonderheiten und leugnet letzten Endes die Möglichkeit der Aenderung und der Erziehung. Sein Staatsgedanke geht vom Menschen aus, an dessen Wesen die Gestaltung der Gemeinschaftsidee sich angleichen muß, statt daß die Menschen selber eine objektive Kulturgesinnung und Kulturforderung anerkennen, denen sie sich unterwerfen. So ist der Wandervogelgedanke an sich nicht geeignet, Volksgemeinschaftsbewußtsein und Staatsgesinnung, sowie Zusammenfassung und Interesse an einem Ganzen zu erzielen. Auch im engen Kreise des Judentums macht man diese Erfahrung. 3m allgemeinen sind die jungen Juden, welche im Wandervogeltum ihre Charakterbildung gefunden haben, nirgends dort zu finden, wo es sich um die gemeinschaftliche jüdische Aufgabe handelt. In diesen Kreisen wird ein gewisser geistiger Snobismus gezüchtet — der Ausdruck stammt aus den Reihen der Anhänger der Bewegung —, der sich für zu gut hält, in Reih und Glied bei der Bewältigung politischer Aufgaben mitzuarbeiten. Aeberspitztes Individualbewußtsein führt dann nur allzu oft zur Verneinung des Bestehenden. So ist es zu erklären, daß viele jüdische Intelligenz den gemeinsamen Aufgaben verloren geht, und der Zug zum Kommunismus, der in diesen Kreisen sehr oft beobachtet und beklagt wird, ist leicht zu begreifen. Er bedeutet in den meisten Fällen den Wunsch der Uebertragung der