KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 6 (Juni 1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 96 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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96 K. C.-Blätter Nachr.-Heft innerhalb weniger Jahre soviel unruhiger geworden ist." Wie heißt es in der Bibel? „Reiß aus das Glied, das Aergernis bereitet!" Akademische Würde? Stört uns. Fort damit! Wir haben freilich immer gewußt, daß das Verhalten der Hakenkreuzler die akademische Würde tötet, aber nicht erwartet, daß die VC.-Rundschau ihr einen so gar nicht pietätvollen Nachruf widmen würde. Die akademische Würde lähmt den Kampfwillen? Mag sein! Zuweilen lähmt auch das Strafgesetzbuch die Energie. Spricht das gegen das Strafgesetzbuch? Was hier gepredigt wird, rst nicht weit entfernt von Anarchie, denn es will Bindungen beseitigen, die bisher noch den Anständigen von seinem Gegenteil schieden. Herr Schickert meint auch, der Zeitgeist erfordere „Revolutionierung" der Studentenschaft. Daß man sich nur nicht alle Elemente des Studententums hinwegrevolutioniere! Unruhe stiften und Radau machen kann Lehmanns Kutscher auch; sollte nicht der Student ein bischen höheren Ehrgeiz haben? Es schwebt offensichtlich die Idee voran, aus Ehaos könne eine neue Welt entstehen, denn man fordert „jenen Zustand schöpferischer Unruhe, der der Neuordnung vorangehl". Auch hier wird mit unzulänglichen Maßen gearbeitet. Aus dem Chaos wird nur dann ein Kosmos, wenn geläuterte Vernunft die Wege bahnt. Was das nun anlangt — laßt uns skeptisch sein! Der erwähnte Aufsatz der VC.- Rundschau macht im übrrgen auf eine Tatsache aufmerksam, die, außerhalb der Parteileidenschaften, gewisse Bedeutung hat. Der Unterschied zwischen Freistudenten und Korporationen sei heutzutage wesentlich gemildert. Bemerkenswert sei, daß es die nationalsozialistische Bewegung war, die zu dieser Entwicklung half. Diese Tatsachen stimmen, auf dem Boden des Nationalsozialismus haben Korporationen und Freistudenten eine gemeinsame Plattform gefunden, wobei betont sein mag, daß in der Finkenschaft die Uranfänge des studentischen Nationalsozialismus liegen, also in einer freistudentischen Organisation. Falsch aber ist es, wenn diese ausgleichende Wirkung als besonderes Verdienst des Nationalsozialismus dargestellt wird. Wenn sich beide Gruppen der Studentenschaft hier fanden, so geschah das, weil das gemeinsame Pseudoideal sie ihre sonstige studentische Einstellung vergessen ließ. Der Ausgleich ist also nur eine Reflexerscheinung, und nicht etwa deshalb erfolgt, weil die Lehren des Nationalsozialismus zugleich von der Unhaltbarkeit des Gegensatzes zwischen beiden Gruppen überzeugt hätten. Ueber diese Gegensätzlichkeit verhalten sich die Lehren des Nationalsozialismus überhaupt nicht. Eine andere Frage ist nur, ob die heutige tatsächliche Annäherung nicht als erster Schritt zu einer inneren Umformung wirken kann. Es ist nicht unmöglich, daß durch diesen äußeren Vorgang später, in beruhigten Zeiten, Reflexionen und Problemstellungen ausgelöst werden, die zu Neuartigem führen können. Aber davon sind wir heute noch viel zu weit entfernt, als daß sich Ersprießliches darüber sagen ließe. Einstweilen darf die entstandene Entwicklung in dieser Richtung noch nicht überschätzt werden. — Die Ausweisung der Juden aus Spanien, vor mehr als vier Jahrhunderten geschehen, ist in diesen Tagen widerrufen worden. Damit kommt ein Kapitel der jüdischen Geschichte zum Abschluß, das im wahrsten Sinne des Wortes dem Mittelalter angehörte. Wenn man aber glaubt, daß die Geschichte der Völker damit endgültig das Mittelalter überwunden habe, so irrt man. Ausweisung der Juden, zumindest ihre staatsbürgerliche Deklassierung erscheint als lockendes Ziel vielen Deutschen, die nicht zu lernen vermochten, wie schlecht gerade Spanien die Ausscheidung des Judentums bekommen ist. Zur Geschichtskunde gehört ein wenig mehr als die Kenntnis des Zahlenalphabets. Würden unsere Nationalsozialisten willens und imstande sein, aus der Historie die inneren Gesetze zu erforschen, insbesondere die schicksalhafte Verbundenheit der Völker und ihrer einzelnen Teile zueinander, so würden sie manche ihrer Ansichten revidieren müssen. Auch das eine lehrt die Geschichte der spanischen Iudenpolitik: Jeder Fehler wird früher oder später einmal gutgemacht. Besser als wieder gutmachen aber ist, ihn nicht erst zu begehen. R. H.