KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 1 (Januar 1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2268830-2268986-2268987--4395-2273162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
K. C.«Blätter 9 mir, Finsternis im Rücken" —, wenn die Menschheit sich auch nur ein kleines Stück vorwärts bewegen soll. Der junge Goethe hat in den Straßburger Studententagen und noch danach in Frankfurt und Wetzlar selbst viel zu sehr Bakkalaureus geglichen, als daß er diese Maßlosigkeit der Jugend nicht sehr liebevoll belächeln sollte! Ja. dieser junge Mensch irrt in dem Glauben an seinen Erfolg, an die Bedeutung seines Strebens, an seine Unabhängigkeit von Vorbildern; aber er ist dennoch auf dem rechten Weg! Selbst Mephisto verheißt ja, daß aus dem Most, der sich so „absurd gebärdet", ein guter Wein werden wird. Denn dieser Wille, neu zu beginnen und aus eigenem Gefühl und eigenem Urteil die Welt richtigzustellen, das ist schon der richtige Anfang für einen Menschen, der etwas Höheres als ein Philister werden will. Mag er nachher noch so sehr die Grenzen und Gebundenheiten seiner Kraft erkennen lernen — und erst „Beschränkung" führt ja nach Goethes Erkenntnis zur Meisterschaft —, dieser Grundtrieb zur Freiheit im Innern, er ist der Anfang jedes Menschentums, das sich aus der Philisterei erhebt. „Wenn ich aber aussprechen soll, was ich den Deutschen überhaupt, besonders den jungen Dichtern geworden bin, so darf ich mich wohl ihren Befreier nennen; denn sie sind an mir gewahr geworden, daß, wie der Mensch von innen heraus leben, der Künstler von innen heraus wirken müsse, indem er, gebärde er sich wie er will, immer nur sein Individuum zutage fördern wird." Ein Individuum werden, das freilich ist das Ziel, zu dem Goethe weist. Und da scheint nun freilich die Zeit mit vielen Stimmen die Jugend von Goethe wegzurufen. Es ist ja bekannt, daß das 19. Jahrhundert zu sehr bedenklichen Auswüchsen des Individualismus geführt hat, und nun ist man wieder einmal dabei, das Kind mit dem Bade auszuschütten und möchte am liebsten die Individualität und ihren Wert ganz leugnen. „Kollektiv", das ist ja das große Schlagwort der Zeit, und die Kommunisten tragen es kaum heißer im Herzen als ihre leidenschaftlichen Gegner, die doch auch in Parteidisziplin, in Unterordnung unter Führerschaft ihr Ich am liebsten auslöschen möchten. Das alles ist zu verstehen, in gewissem Grade sogar zu billigen, als Gegenwirkung gegen einen Individualismus, der sich ins Luftlos-Leere verstiegen hat, gegen ein Aesthetentum, das jenseits aller Wirklichkeiten, sich aus der Diese des Gemüts seine Welt baut, in lebensfeindlicher Einsamkeit. Aber hat Goethe solch eine Individualität gelehrt, ist er solch ein Individuum gewesen? Das sind die Worte, die er über sich selbst am Ende seines Lebens sagt: „Was bin ich selbst? Was habe ich denn gemacht? Ich sammelte und benutzte alles, was mir vor Augen, vor Ohren, vor die Sinne kam. Zu meinem Werke haben Dausende von Einzelwesen bas Ihrige beigetragen, Doren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise. Sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben, ihr Sein; so erntete ich oft, was andere gesät, mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe." Da springt uns das Wort unserer Dage. das Wort „Kollektiv" ganz überraschend entgegen! Und es erweist sich, daß für Goethe der Gegensatz zwischen individuellem und sozialem Leben (wie so mancher andere, um den man heute noch blutigen streit zu führen müssen meint) gar nicht existierte. Keine Gemeinschaft kann ein höheres Ziel haben, als freie starke und selbständige Individuen in größtmöglicher Zahl auszuprägen. Aber kein Individuum kann entstehen, ohne durch immerwährende Hingabe an das Leben der Gemeinschaft die ganze Substanz seines Daseins erst zu sammeln! Dazu freilich gehört, daß man dem Leben in seiner Gesamtheit auf die Spur zu kommen trachtet, daß man sich nicht in einem Brotberuf vergräbt und genug zu tun meint, wenn man einen sehr scharf begrenzten kleinen Fleck im Leben der Gesellschaft eifrig und einträglich ausfüllt. Und hier gerät Goethes Persönlichkeit und das Menschentum, das er bringen will, noch einmal mit der Studentenschaft unserer Dage hart aneinander.