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KC-Blätter · 1933-01-01 · Heft 1 (Januar 1933) · p. Seite 6

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Journal
KC-Blätter
Volume
1933
Issue
Heft 1 (Januar 1933)
Date
1933-01-01
Page
Seite 6 (sequence 9)
Language
German
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6 K. C.-Blätter mehr „lauter!" geheißen hatten. Darauf erhob sich Liebermann und bat die Versammlung in mitleidigem Tone, sie möchten doch mit dem Redner Rachficht haben; derselbe sei offenbar verlegen und ungeübt, bei einiger Geduld und Aufmerksamkeit werde es schon gehen. So! sagte ich, wenn man nur wünsche, daß ich lauter rede, so verspräche ich, daß jedes Wort im letzten Winkel verständlich sein sollte. Ich sei, fuhr ich nun fort, ohne Furcht in diese Versammlung gekommen. Ich hätte vielleicht Bedenken gehabt, wenn es in einer großen Stadt gewesen wäre, in der solche Versammlungen von radaulustigem Pöbel angefüllt seien, aber in einer Stadt wie Göttingen, einer Universitätsstadt, vor einem gebildeten Publikum, das sich nur durch Gründe und sachlichen Gehalt bestimmen lasse, brauchte ich gar kein großer Redner zu sein, um meiner Sache sicher zu sein. (Beifällig aufgenommene capt-Nio bsnevolentiae.) Alle etwaigen Bedenken hätten übrigens schwinden müssen, als ich gestern Morgen eine förmliche Einladung erhielt, die allerdings nur mit „deutscher Verein" unterzeichnet war. Solche Anonymität zeuge freuich nicht von besonderem Mut und sei nichts weniger als deutsch. Der Einladung hätte ferner eine kostenlose Eintrittskarte beigelegen. Allein dieses Geschenk von anonymer Seite anzunehmen, verbiete mir meine Talmudmoral, und so hätte ich mir am Eingang wie jeder andere eine Eintrittskarte für dreißig Pfennige gelöst und lege die mir übersandte hiermit auf den Tisch des Hauses nieder und in die Hände des anonymen deutschen Vereins zurück! Von jetzt ab hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Ich tadelte, daß der Redner sich so wenig an das Thema gehalten und wollte dies meinerseits um so gewissenhafter tun. Ich setzte nun in Kürze auseinander, was der Talmud sei und enthalte, wie das Bekenntnis zum Judentum und die Wertschätzung des Talmuds als religiöser Erkenntnisquelle sich vollkommen mit deutscher vaterländischer Gesinnung vertrage und endlich, woher die Verkennung des Talmuds stamme. Ich erzählte, wie heute vormittag ein Gemeindemitglied mit dem Flugblatt gegen Talmud und Schulchan aruch zu mir gekommen sei, ob dies alles im Talmud stehe. Ich antwortete ihm, von vornherein abstreiten könne ich es nicht, aber wir könnten ja einmal Zusehen. Hier stünden Talmud und Schulchan aruch und wir wollten einmal Satz für Sah vergleichen. And was fanden wir? Jeder Satz war entweder eine Entstellung oder grobe Fälschung odergeradezu aus den Fingern gesogen. Von Satz zu Satz stieg unser Staunen und unsere Entrüstung über die Frechheit, mit der noch obendrein zu jeder Fälschung die Seite und Zeile angegeben war. Damit wollten die Antisemiten den Schein wissenschaftlicher Gründlichkeit und Genauigkeit erwecken, indem sie sich darauf verließen, daß es ja doch keinem der Leser, für die das hetzerische Flugblatt berechnet sei, einfallen würde, nachzuschlagen. Denn ich frage hiermit alle Anwesenden, ob auch nur ein Einziger auch nur eine Stelle nachgeprüft habe. Aber ich ging noch weiter. Am dem Herrn Abgeordneten Liebermann Gelegenheit zu geben, seine Behauptungen hier vor oer Versammlung zu beweisen, hätte ich einen Talmud mitgebracht, zwar nicht den ganzen, denn dieser sei zu umfangreich, aber einen beliebigen Band. And damit er nicht behaupte: ja, das ist ein Talmud, den die Rabbiner erst zurechtgemacht haben, um die Christen zu täuschen, hätte ich nicht meinen eigenen mitgebracht, sondern mir extra einen von der Königlichen Bibliothek ausgeliehen, die er gewiß nicht der Fälschung beschuldigen werde. Damit gab ich meinem Gehilfen einen Wink, mir das Buch zuzureichen, schlug es auf und legte es Liebermann vor: So, nun zeigen Sie mir mal eine einzige Stelle, deren Moral sich nicht mit dem Staatsbürgerrecht verträgt. Der also Apostrophierte, dessen Gesicht während meiner ganzen Rede lang und länger geworden war, protestierte verlegen: Ja, Hebräisch kann ich nicht. — „So", sagte ich zur Versammlung gewandt, „und dieser Herr, der selbst gesteht, daß er keinen hebräischen Buchstaben kennt, wagt es, zweiundeinehalbe Stunde über die Moral des Talmuds zu reden, in dem er keine Zeile lesen kann!"

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