KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- Seite 73 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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K. C.-Blätter 73 Form gleich Inhalt sei. Damit trennt er sich bewußt vom Konservativismus, und schaltet das individualistische Moment, die Persönlichkeit des einzelnen Gläubigen, in die Religionsübung ein. Montefiore betont besonders die menschliche Mitwirkungsmöglichkeit an der Erfüllung des göttlichen Endziels, denn wenn Gott eine Welt rechtschaffener Menschen erstrebe, so liege es an den Menschen selber, sich diesem Streben gemäß zu verhalten. Montefiore streift eines der tiefsten Probleme der Religionsaufsassung, die Vollkommenheit des Schöpfers im Gegensatz zur Unvollkommenheit der Schöpfung. In diesem Appell an den Menschen, die Herbeiführung des Vollkommenen mitzusördern, zeigen sich die Ansätze der jüdischen Missionsidee, der Lehre von der Auserwählung, die nicht als Ueberhebung, sondern als Ansporn zu verstehen ist. In diesem Punkte mögen sich manche Uebereinstimmungen mit dem Konservativismus finden, wobei die Unterscheidungen freilich in der Auffassung vom Entstehen der Glaubenssätze liegen. Eine besondere Gegensätzlichkeit sieht Montefiore im sogenannten „historischen Konservativismus", den er als eine Art Sektenbildung innerhalb des Altkonservativismus betrachtet. Nach dieser Auffassung besteht das Wesen des Judentums in seinem Zusammenhang mit der Geschichte, in der Hervorkehrung der Werkgerechtigkeit gegenüber der Glaubensgerechtigkeit. Diese Anschauung durchkreuzt, weil sie die historischen Gebräuche als Hauptinhalt darstellt, den Gedanken von der Entwicklungsfähigkeit der Form. Sie gibt zugleich die Frage auf, inwieweit das liberale Judentum universalistisch sei. Die theokratische Wurzel des Judentums mag verkümmert sein mit dem Aufhören des besonderen jüdischen Staates. Das Judentum lebt aber auch außerhalb der eigenstaatlichen Bindung. Umgekehrt spricht die staatsbürgerliche Teilung innerhalb der Iudenheit nicht gegen den Gedanken, eine über die Landesgrenzen hinausreichende kulturelle Verbundenheit zu pflegen. In ganz unlogischer Weise wird diese Tatsache zum Ausgangspunkt antisemitischer Behauptungen genommen, wonach eine internationale Konspiration des Weltjudentums bestehe — als ob unter den Angehörigen anderer Religionen nicht auch internationale Solidarität gelte. Montefiore operiert mit einem Begriff, der gern von Böswilligen falsch verstanden wird —, mit dem der Stammesgemeinschaft, und nennt mit Rücksicht hierauf das Judentum eine im sekundären Sinne nationale Religion. Diese Tatsache ist aber nur im äußerlichen Sinne zu verstehen, und gibt ° keinen Fingerzeig für das innere Erleben der jüdischen Religion. Sie führt nicht zu der Auffassung, daß heute noch im Judentum volkhafte Kräfte stecken. Die Aeberlegung ist reizvoll, wieso gerade der Liberalismus ein scharfer Gegner des Zionismus sein muß, da das Moment der gedanklichen Elastizität eher im Liberalismus begründet ist, als im Zionismus, der nicht vor-, sondern zurückschreiten will. Montefiore ist den Weg dieser Erwägungen nicht ganz zu Ende gegangen. Er kommt jedoch auf die Frage des Palästinaaufbaues zu sprechen, eine Angelegenheit, die auch in liberalen Kreisen nicht einhellig beurteilt wird. Er selbst huldigt einer ablehnenden Anschauung. Alle diese Fragen, die mit dem jüdischen