KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- Seite 70 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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70 K. C.--Blätter es reinigen von allen Auswüchsen, von dem Anspruch, daß es Selbstzweck sei. Und hatte die Kabbala den Fehler der Gesetzlichkeit darin zu erblicken vermeint, daß sie von Nüchternheit erfüllt sei, so hat der Chassidismus ihre Freudlosigkeit als das Grundübel beklagt, ihre Abkehr von der Schönheit der Natur und des Natürlichen. So entstand — gewiß beeinflußt von der trostlosen politischen und sozialen Lage der damaligen Juden des Ostens — die Sehnsucht nach der Freude als Reaktion auf die Wirklichkeit. So wurde der oberste Grundsatz des Chassidismus, daß man Gott in Freuden dienen müsse! Wenn nun Dubnow aus seinem Grundprinzip des Gegensatzes zwischen religiös-individualistischen und national-kollektivistischen Trieben den Chassidismus religionsgeschichtlich zu deuten sucht, so kommt auch er zu demselben Ergebnis, daß er praktisch als Reaktion gegen die Auswüchse des Gesetzes und der Gesetzlichkeit begriffen werden muß. Daneben aber schildert er anschaulich, wie die unglückseligen sozialen Verhältnisse, die fast einer Sklaverei gleichende Hörigkeit und Abhängigkeit vom polnischen Adel, die stete Furcht vor blutigen Verfolgungen in den Seelen der armen polnischen Juden eine Disposition schufen, die — gleich der seelischen Spannung vor der Entstehung des Christentums — geradezu nach der Erlösung und dem Erlöser durstete. Auch der Chassidismus ist nicht rein innerjüdische Entwicklung, sondern die Verbindung von äußerem Geschick und religiöser Spannung hat ihn hervorgebracht. Stark in seinem Wesen beeinflußt wurde er auch von der Kabbala, der „Geheimlehre", die — gestützt auf Ansätze des talmudischen Schrifttums — in Spanien ein System der Mystik geschaffen hatte und insbesondere die Wunder vollbringende Kraft des Gottesnamens lehrte — ein Baal Schem, ein Herr über den Gottesnamen, ist eben ein Mann, der mit dem göttlichen Namen zaubert — und die sich nach dem Orient und Polen weithin ausgedehnt hatte. Die Elemente der Kabbala, die bis dahin lediglich die Beschäftigung einer Gelehrtenkaste bildete, mit zur Grundlage einer wirklichen Volksbewegung gemacht zu haben, war das Werk des Chassidismus! Anschaulich und überragend läßt Dubnow die Bewegung vor uns erstehen, und mit großer Meisterschaft schildert er — streng auf historischem Boden bleibend, unter Ausschaltung alles Legendären und alles Apologetischen — ihre Geschichte. Wir erleben die schlichte Frömmigkeit, den Berge versetzenden Glauben des Israel Baal Schem Tow, des „B e s ch t", in dem das reine Wollen des wirklichen Religionsstifters lebt. Wir lernen seine Nachfolger und Vollender kennen, den gelehrten Maggid Dow Bär, der die Verbindung mit dem talmudisch orientierten Teil des Volkes herstellt, und Jakob Josef von Polonnoje, den Schöpfer des chassidischen Schrifttums. Die erste Entwicklung der Bewegung wird geschildert, der Widerstand, der allmählich einsetzt. Starr und unnachgiebig erhebt sich die Gestalt des unversöhnlichsten Gegners des Chassidismus, des Rabbi Elia, des Wilnaer Gaon! Und mit meisterhafter Klarheit führt uns Dubrow in die Kampfeswirren, mit ihren Bannflüchen und anderen Mitteln