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KC-Blätter · 1931-12-01 · Heft 3 (Dezember 1931) · p. Seite 69

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Journal
KC-Blätter
Volume
1931
Issue
Heft 3 (Dezember 1931)
Date
1931-12-01
Page
Seite 69 (sequence 11)
Language
German
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K. L.--Blätter 69 Es bedeutet dabei keinerlei Kritik an dem Werke Dubnows, das eine ganz erstaunliche Kenntnis auch der entlegensten Literatur mit der Kunst einer interessanten, fast möchte man sagen spannenden Darstellung verbindet, wenn man seiner geschichtlichen Grundthese nicht beipflichten kann. Er macht für alle innekgeschichtlichen Entwicklungsvorgänge im Judentum die Spannung zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven verantwortlich, die er mit dem Religiösen und dem Nationalen identifiziert. Auch im Chassidismus sieht er eine Reaktion des religiösen Geistes, des nach seiner Erlösung sich sehnenden Menschen gegen den nationalen Allwillen, dem die Gesamtheit alles und der Einzelne nichts ist. Es kann nicht bestritten werden, daß auch dieser Gegensatz in der jüdischen Geschichte mitbestimmend ist. Er lebt in dem alten Streite zwischen den Priestern, den Hütern der kollektivistisch denkenden Thora, und den Propheten, den Vertretern der individuellen Frömmigkeit. Er ist die eigentliche Triebfeder für das Werden der Mystik, er spielt in die Stimmung hinein, aus der Sekten wie das Urchristentum entstanden. Aber es geht zu weit, wenn man in den Begriffen des individualistischen Religionstriebes und des kollektivistischen Nationalismus kontinuierlich gegeneinander wirkende Kräfte sieht, in deren Spiel sich die innerliche Geschichte des Judentums vollzieht. Auch hier tut es nicht gut, das Einzigartige in das Schema zu pressen, die in der jüdischen Geschichte wirkenden Urtriebe in die Kategorien der allgemeinen Weltgeschichte gewaltsam einzuordnen. Der Besonderheit der Erscheinung des Judentums entspricht auch die Besonderheit seiner Geschichte. Und seine Religion insbesondere weist eine innige Durchdringung des Individuellen mit dem Kollektivistischen, dem Nationalen und dem Sozialen auf. Beide Grundstimmungen mischen sich in allen jüdischen Lebenserscheinungen l Und es kann wohl durch eine Störung der Harmonie und eine Verschiebung des Schwerpunktes vorübergehend zu Unstimmigkeiten kommen, aber um Grundprinzipien, die um die Herrschaft ringen, handelt es sich keineswegs. Das Problem, um welches es sich in der Geschichte des Judentums immer wieder handelt, soweit die innere Entwicklung in Frage kommt, ist vielmehr die Stellung zum Gesetze und die Gesetzlichkeit! Jede Ueberspannung dieses Prinzips, jede Mehrung des Formalismus hat die Folge gehabt, daß an die Stelle lebensfrohen religiösen Wirkens Nüchternheit, Rationalismus, Ueberschätzung der Werkheiligkeit und Kleinlichkeit traten. Die ganze jüdische Religionsgeschichte; besteht im Grunde nur aus Reaktionen auf die lieber® handnahme des Formalismus im Gesetzlichen. So erklären sich Sadduzäertum, Christentum, Karäertum, Religionsphilosophie und der moderne Liberalismus. So erklärt sich auch der Chassidismus. Es ist die spontan und heftig sich regende Reaktion gegen die Verknöcherung des Gesetzes, gegen die Ueberschätzung der Form, gegen die Züchtung des antireligiösen, haarspaltenden, spitzfindigen Geistes des Rationalismus im „Pilpul". Er greift das Gesetzlichkeitsprinzip als solches nicht an. Aber er will

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