Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1931-12-01 · Heft 3 (Dezember 1931) · p. Seite 68

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1931
Issue
Heft 3 (Dezember 1931)
Date
1931-12-01
Page
Seite 68 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2268830-2268996-2268999--3859-2272968
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

68 K. C.-Blätter Spätere Zuströme nordischen Blutes, wie aus hellenistisch-römischer Zeit, mögen hier übergangen sein; den letzten ergab in Deutschland wohl der 30jährige Krieg. Aus erklärlichen Gründen ist darüber nicht viel überliefert, indes — die Natur fragt nicht nach der kirchlichen Segnung. Nur in groben Umrissen und nur teilweise konnte das wissenschaftliche Material, durch eigene Ideen erweitert, hier angedeutet werden. Die Bibel ist m. E. nach dieser Seite noch lange nicht erschöpfend betrachtet; auch die Grabungsforschung hat noch vieles vor sich. Chassidismus. Wenn es einen Beweis für die Lebenskraft des Judentums, der uralten, Jahrtausende bereits wirkenden Religion gibt, so liefert ihn der Chassidismus. Kaum zweihundert Jahre sind es her, daß aus dem alten totgesagten Stamme ein neuer und kräftiger Sproß wächst! Lebendiges religiöses Fühlen, tiefste Sehnsucht nach Gott, jugendliches Tasten und Stürmen nach dem rechten Wege der Erlösung bringen eine neue Bewegung hervor, die fast im Fluge einen großen Teil der östlichen Judenheit erobert. Daß sie in einer für religiöse Strömungen erstaunlich kurzen Zeit den Gipfel ihrer Macht erklomm, daß sie aber dann — der Spannung des Kämpfens beraubt — innerlich verfiel und in die Tiefen des Aberglaubens hinabsank, ist ihre Tragik, vielleicht auch das Unglück des Judentums von heute. Unsere Zeit steht den Geschehnissen noch zu nahe, und in der Literatur über den Chassidismus nimmt unwillkürlich jeder noch für oder wider Stellung, klagt an und verteidigt oder deutet — so macht es der deutsche Apostel des Chassidismus Martin Buber — seine eigenen modernen Ideen in die historische Erscheinung hinein. Fast überall wird das Auftreten des Gründers des Chassidismus, des Israel Baal Schein Tow als ein für sich zu wertendes Ereignis betrachtet, ohne Zusammenhang mit den Strömungen der Zeit und den Lebensverhältnissen der Umgebung. Zum ersten Male hat es aber jetzt der große jüdische Historiker Simon Dubnow in einer jüngst erschienenen Veröffentlichung*) unternommen, diese gewaltige religionsgeschichtliche Erscheinung ohne Vorurteil rein vom geschichtlichen Standpunkte aus zu betrachten. Er hat den Chassidismus endlich als einen Teil der gesamten jüdischen Geschichte zu behandeln begonnen. Er stellt die Fülle der Ereignisse in ihren größeren Zusammenhang, so daß man den Chassidismus aus seinen soziologischen, sozialen und historischen Ursachen ebenso begreifen lernt wie aus den im Judentum wirkenden religiösen Kräften. *) Simon Dubnow, Geschichte des Chassidismus. In zwei Bänden. Erster Band, Aus dem Hebräischen übersetzt von Or. A. Steinberg. Jüdischer Verlag, Berlin!93l.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.