KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- Seite 62 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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62 K. C.° Blätter Masse von einem Kollektiv sprechen. Wohlgemerkt, das Kollektiv ist meines Erachtens nach keineswegs mit der Masse identisch. Das Kollektiv kann höchstdifferenziert, bewußt und wertzweckmäßig funktionieren, wohingegen die Masse selbst dem dumpfen Unbewußten, dem Triebhaften, Unzweckmäßigen entspricht und aus archaischen Zeiten stammt. __ In der Masse kommt die Urseele zum Vorschein und mit ihr die so- * genannten Urreaktionen, die wir, wie schon erwähnt, beim Kinde wiederfinden. Die Analogien zwischen den Reaktionen des Kindes und des Massenindividuums sind außerordentlich große. Besonders treten hier die beiden Grundgefühle Liebe und Haß in den Vordergrund, Gefühlspositionen, die innerhalb einer Persönlichkeit in ambivalenter Beziehung zueinanderstehen können. Proportional dem Wachsen der Persönlichkeit nimmt auch die ambivalente Spannung Liebe — Haß ab, und umgekehrt: Wird das Individuum in die Masse zurückgeworfen, so wird die Liebe-Haßbereitschaft sowie überhaupt jede Affektbereitschaft größer (Mc. Dougall). Der Urmensch im Kinde wie im Massenindividuum reagiert auf den geringsten Unlustreiz mit Abwehr bis zum Haß. Es ist anzunehmen, daß der Urmensch zunächst weder das Gefühl der Liebe noch des Hasses kannte, vielmehr reagierte er mit Lust- und Unlustgesühlen. Erst als sich seinem Lustbedürfnis ein Widerstand entgegenstellte, flammte sein Haß auf. So dürfte es wohl richtig sein, anzunehmen, daß das Primäre im Menschen — als seelische Aeußerung — der Haß war. Die Liebe ist u. a. eine durch soziale Notwendigkeiten, durch Entstehung des Gewissens entstandene Regulation des Hasses. Sie ist ein Empfinden, das den tödlichen, destruktiven seelischen Aeußerungen auf Unlustreize hin entgegengesetzt ist, um durch ein Opfer Lustmöglichkeiten zu verdienen. Will man ein Kind zur Liebe erziehen, so wird man es dazu veranlassen, zu Liebe eines höheren Lustgewinnes einen niederen zu opfern. Opferbereitschast ist ein wesentliches Attribut der Liebe. Sie allein ist konstruktiv. Liebe und Haß aber sind in der Anlage auch entwicklungsmäßig wohl gleichzeitig im Menschen als Ausdruck biologischer Spannungen vorgebildet. Wenn die Voraussetzung also richtig ist, daß im Menschen der Haß das Primäre ist, die Masse aber entwicklungsgeschichtlich eine Urform darstellt, so dürfte die Annahme gerechtfertigt sein, den Haß der Masse entsprechender sein zu lassen als die Liebe. Ja man kann fast sagen, daß gerade die Individualisierung die Ueberwindung der sogenannten Masseninstinkte zur Voraussetzung hat. Man sollte sich ja nicht durch die Tatsache täuschen lassen, daß eine Masse ein höheres Ideal haben kann und also doch nicht tiefstehend zu sein braucht. Man darf dann nicht übersehen, daß das Ideal immer in der Zerstörung eines schlechten oder vermeintlich schlechten Zustandes bestehen wird, also das Handeln der Masse destruktiv ist. Noch nie hat eine Masse konstruktiv gehandelt, sie schöpft aus dem Haß. Und selbst den Religionen, die man unter bestimmten Voraussetzungen auch als Massenausdruck bezeichnen kann, ist es nicht restlos gelungen, den Motor Haß zu beseitigen. Man denke an die Kreuzzüge, an die Inquisitionen usw. Auch die sogenannte Vaterlandsliebe tritt leider meist erst dann imponierend in die Er-