KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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28 K. C-Blätter es wie überall, so auch unter den Juden anständige Leute gibt und solche, die es nicht sind. Entscheidend sind hier vielmehr die Fragen: will der Dichter in dem von ihm dargestellten Juden spezifisch jüdische Eigenschaften treffen; sieht er den Juden von vornherein als minderwertig an, bloß weil er Jude ist, ohne nach seinen menschlichen Werten zu fragen; lehnt er die Gleichberechtigung ab? In diesem Sinne sollen im folgenden noch einige Motive und Gestalten der deutschen Dichtung betrachtet werden, aus denen man zu Recht oder Unrecht auf die antisemitische Einstellung des Autors schließen könnte. Bei Rückert handelt es sich um das, was man den volkstümlichen Typ des Juden nennen könnte. Schon im Mittelalter war das Wort „Jude" gleichbedeutend mit Händler, Althändler, Wucherer. Das erklärt sich aus der sozialen Stellung der Juden zu jener Zeit; dies waren die auffallendsten Erscheinungen, mit denen das Volk in Berührung kam. Unnötig zu sagen, daß diese Vorstellung auf einer falschen Verallgemeinerung beruht. Dennoch hielt sie sich zäh; noch heute kann man das Wort „Jude" in ganz unbefangener und keineswegs unfreundlicher Weise als Synonym von Althändler zu hören bekommen. Dieser Typus wird häufig noch in ungünstigem Sinne ausgestaltet: er ist habgierig, geizig, nur auf Gewinn bedacht, schmutzig, wollüstig. Hierher gehört auch die Behauptung, daß Knoblauch und Zwiebel eine Lieblingsspeise der Juden seien, vgl. den bekannten ABC-Vers, den noch Busch parodisch illustriert hat; es ist gar nicht zu sagen, wie weit diese unsinnige Vorstellung verbreitet ist. Wir treffen diese Gestalt immer wieder in der Dichtung des 18. und 19. Jahrhunderts, obwohl sie den Anspruch auf Allgemeingültigkeit mehr und mehr verliert und schließlich hauptsächlicher geistiger Besitz der „Fliegenden Blätter" und der antisemitischen Parteiliteratur wird. Dem Wort „Jude" im Sinne von Händler und Geldmann begegnet man etwa bei Goethe und C h a m i s s o. Zn der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts ist mit dieser Gestalt meist eine komische Wirkung beabsichtigt, ohne Gehässigkeit, ohne daß damit die Juden im allgemeinen getroffen werden sollen. Als komisches Darstellungsmittel wird vielfach der Jargon verwandt. So bei dem aufdringlichen Wucherer, den Grabbe dargestellt hat. In seinem Drama „Napoleon" wird ein jüdischer Kriegsfreiwilliger von dem großsprecherischen Berliner durch antisemitische Redensarten beleidigt; er erwidert ihm: „Du Hund, wenn ich auch bin ein Jude, bin ich doch ein Bürger und ein Berliner Freiwilliger wie du!"; er haut ihm eine gewaltige Ohrfeige, da reißt ihm eine Kanonenkugel den Kopf ab. Hauff will in der Geschichte vom Juden Abne.r erzählen, wie eine Jude durch Pfiffigkeit zu Schaden gekommen ist; in Hebbels Lustspiel „Der Diamant" treten neben den jüdischen Spitzbuben eine Reihe von Nichtjuden, die nicht weniger egoistisch, habgierig und gewissenlos sind. Eine ähnliche Stellung nehmen die komischen jüdischen Figuren bei Hebel und Reuter ein. Beide erzählen gerne Anekdoten von schlauen und listigen Juden, die bald einen Nichtjuden hineinlegen, bald einen noch Schlaueren finden, oder denen die eigene Üeberschlauheit einen Streich spielt. Gerade diese beiden Schriftsteller könnte