KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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K. C.-Blätter 27 durchdrungen von dem sittlichen Pessimismus, der Raubes eigene Weltanschauung ist. In „Höxter und Corvey" sehen wir die Leiden einer jüdischen Familie unter fanatischer Verfolgung; Züge der Duldung leuchten in das düstere Bild hinein. Bon der Großmutter sagt Raabe: „Sie war eben auch ein Sprößling jenes tapfersten aller Völker, das sich auf jedem Brandschutte seines Glückes schier noch hartnäckiger als das deutsche Volk mit seinen Wurzelfasern anzusetzen wußte." Wilhelm von Po lenz ist als ernst zu nehmender sozialer Kritiker kein bedingungsloser Antisemit. Freilich überwiegen bei ihm die unsympathischen jüdischen Figuren. Der Büttnerbauer wird durch die jüdischen Bodenspekulanten und Getreidehändler ruiniert; schuld daran aber sind nach der Ansicht des Dichters die sozialen Verhältnisse, die Bauern selbst, die z. T. wie auch andere Nichtjuden mit den Juden gemeinschaftliche Sache machen, und wenn man weiter zurückgeht, der Feudalismus und die Rezeption des römischen Rechts mit seinem Eigentumsbegriff. Ein anderer Roman behandelt das moderne Literatentum; wir begegnen dem jüdischen Streber und Renegaten vom Schlage Freudensteins; dem Verleger, der die Literatur nur als Geschäft betrachtet; einer Bankiersfamilie mit einem ästhetischen Salon; aber daneben stehen nichtjüdische Erscheinungen, die um keinen Deut besser sind. Anderer Art sind zwei jüdische Nebenfiguren des Romans „Thekla Lüdekind", sie gehören zu dem Freundeskreis einer selbständigen, vorurteilsfreien und vornehmen Frau, die die Ansichten des Verfassers vertritt, ein Arzt und ein feinfühliger, taktvoller, uneigennütziger Rechtsanwalt, der seine hoffnungslose Liebe zu der unglücklichen Thekla verbirgt und der Alternden ein wahrer Freund wird. In allen diesen Fällen wird der Autor zum Antisemiten gestempelt durch ein sehr einfaches, darum um so gefährlicheres Verfahren: die Verallgemeinerung. Man fragt nicht nach seiner Ansicht, achtet nicht auf den Zusammenhang und die übrigen Figuren, sondern weist aus den Juden mit dem Bemerken: so sind die Juden. Diese Verallgemeinerung spielt auch eine Rolle auf der anderen Seite. Oft genug fühlen sich Juden durch die Darstellung jüdischer Gestalten verletzt. R ü ck e r t erzählt in seinem Kindergedicht „Vom Bäumlein, das andre Blätter hat gewollt", wie der Jude durch den Wald kommt „mit großem Sack und großem Bart", die goldenen Blätter einsteckt und eilends fortgeht. Aus Beschwerden wurde dies Gedicht aus einem Schullesebuch entfernt, in anderen Fällen das Wort „Jude" durch ein entsprechendes, wie etwa „Krämer" ersetzt. Man mag darin Aeberempsindlichkeit sehen, aber die Zeitverhältnisse geben leider dazu Anlaß. Bei der heute so verbreiteten Gehässigkeit und Verhetzung würden jüdische Kinder sich verletzt fühlen, andere die willkommene Gelegenheit zum Spott benutzen, ganz abgesehen von dem Schaden, den ein unverständiger Lehrer bei der Auslegung dieses Motivs anrichten könnte. Für eine unbefangene und sachliche Betrachtung der Literatur aber, wenn man sie aus antisemitische Gesinnung hin untersuchen will, kommt es nicht daraus an, ob einmal ein unsympathischer oder minderwertiger Jude geschildert wird. Wer wollte leugnen, daß