KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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26 K, C.-Blätter unmöglich, zu unterscheiden, was dem Wesen der Juden an sich, immer und für alle Zeit von Vorzügen und Schwächen zugeteilt ist, und was nur deshalb häufig an ihrem Geschlecht zutage kommt, weil sie sich alle aus einem unsicheren politischen und sozialen Dasein und aus einem Bildungskreise, der noch nicht ganz der unsrige ist, heraufgearbeitet haben." Als Beweis für den Antisemitismus Raabes gilt gewöhnlich auch die Gestalt Moses Freudensteins im Hungerpastor, es scheint unbekannt, daß es bei Raabe eine ganze Anzahl sympathisch geschilderter Juden gibt. Schon wer den Hungerpastor aufmerksam liest, kann nicht zu diesem Fehlurteil kommen. Mit Empörung und scharfer Satire weist der Dichter auf die Leiden der Juden hin. „Unendlich langsam ist das alte, schauerliche „Hepp, hepp", welches so unsägliches Unheil anrichtete, verklungen in der Welt." „Gestoßen, an den Haaren gezerrt, geschimpft und geschlagen bei jeder Gelegenheit, ließ er sich so wenig als möglich draußen blicken und führte eine dunkle, klägliche Existenz in der halb unterirdischen Wohnung seines Vaters." Ein Jude wie Moses Mendelssohn mußte noch verzollt werden zusammen mit dem Schlachtvieh. „Uebertrieben war es doch, wenn die Mütter ihre hoffnungsvollen Sprößlinge vor dem Trödelladen dadurch warnten, daß sie behaupteten, man verfertige darin Würste aus dem Fleische kleiner unartiger und unschuldiger Christkinder und benutze dazu statt ihrer Därme ihre wollenen Strümpfe." So entsteht in Moses der alles beherrschende Gedanke, sich zu ,rächen, und er geht den falschen Weg in den bürgerlichen Tod; seine Gesinnungslosigkeit, Herzenshärte, sein falscher „Hunger", sein Egoismus und alle andern schlechten Eigenschaften sind das Ergebnis seiner Jugend. „Böse Geister standen um die Wiege des armen Moses, nur gute um die meine", sagt Hans Unwirrsch,' und das ist ein Grundgedanke des Romans. Einer jüdischen Dame erwiderte Raabe auf den Vorwurf des Antisemitismus: „Behandle ich nicht im Hungerpastor den wirklichen Juden mit allem Respekt? Ist es meine Schuld, wenn Sie den Renegaten noch zu den Ihrigen rechnen?" Er verweist sie auf andere Erzählungen, aus denen sie entnehmen könne, „daß ich nicht zu den Antisemiten zu zählen bin.... Juden haben in meinem Leben immer mit zu meinen besten Freunden und verständnisvollsten Lesern gehört, und daran hat sich bis heute nichts geändert." In „Gedelöcke" verspottet Raabe protestantische und jüdische Unduldsamkeit in gleicher Weise. Die Erzählung „Frühling" schildert einen jüdischen Händler in den ärmlichsten Verhältnissen, der in manchem dem Vater Freudensteins ähnelt, und seine beiden Töchter; durch ihr herzliches, gemütvolles und zartfühlendes Wesen erwerben sie sich die Sympathien ihrer Umgebung. Im Mittelpunkt von „Hollunderblüte" steht der alte Prager Iudenfriedhof mit seinem Schauer und dem Zauber der Romantik; die Heldin ist ein armes zartes jüdisches Mädchen, „ein Wesen, in dem sich alle Frauen Shakespeares vereinigt finden", mit einer reinen und freien Seele, die sich nach dem Lichte sehnt und an ihrer unglücklichen Liebe stirbt. Frau Salome in der gleichnamigen Erzählung ist eine der edelsten Fraucngestalten Raabes, voll Mitleid und werktätiger Menschenliebe,