KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268996-2268997--3808-2272909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
K. C.-Blätter 25 die ihm auch im neuen Reich noch vorenthalten wurde. Dingelstedt gehört zu dem bedenklichen und gefährlichen Typ des Antisemiten mit dem Ausnahmefall, der den einzelnen Juden wohl gelten läßt, doch die Juden als Gesamtheit bekämpft. Die beklagenswerten Zustände in seinem Heimatlande Hessen waren Wohl der Anlaß zu seinem zornigen Gedicht, das mit den Zeilen endet: „Geht, sperrt sie wieder in die alten Gassen, Eh' sie euch in die Christenviertel sperrn!" Auch sonst gibt es bei ihm antisemitische Aeußerungen; das störte aber nicht seine Freundschaft mit Mosenthal, dessen erste literarischen Bemühungen er förderte. Noch inniger befreundet war er mit Auerbach, den er als „Dichter von Gottes Gnaden" und den „Entdecker des Schwarzwaldes" feiert,- er rühmt ihm nach, daß er zweimal die Entwicklung der deutschen Erzählkunst entscheidend gefördert habe: als Schöpfer der Dorfgeschichte und des zeitgenössischen vaterländischen Romans (Waldsried). Poetische und musikalische Lyrik gebe es bei Juden nur als Ausnahme: Heine, Felix Mendessohn. Freytag und R a a b e sind überhaupt nicht Antisemiten. Die Schilderung der jüdischen Gestalten in Freytags „Soll und Haben" geht auf Breslauer Erlebnisse zurück; den gewissenlosen Geldleuten und Händlern gibt er doch noch einige hellere Züge, z. B. Jtzig Bedürfnislosigkeit und Energie, ein gelegentlich durchbrechendes warmes und echtes Gefühl, Gedanken an die Mutter, die ihn gemahnt hatte, ehrlich zu bleiben. Einen gewissen Ausgleich schafft er in der Gestalt Bernhard Ehrentals mit seinem uneigennützigen Streben nach Erkenntnis und dem Widerwillen gegen jede Unlauterkeit. In „Soll und Haben" kommt der Adel nicht besser weg als die Juden, und in den „Journalisten" steht Senden menschlich tiefer als Blumenberg und Schmock, der ja nur gezwungenermaßen Journalist ist. Wie Freytag über die Juden dachte, geht aus einem Aufsatz der „Grenzboten" gegen Wagners Schrift über das Judentum in der Musik hervor: „Wir halten aber gegenwärtig einen ernsten Angriff auf das jüdische Wesen unter uns nach keiner Richtung für zeitgemäß, nicht in Politik, nicht in Gesellschaft, nicht in Wissenschaft und Kunst; denn aus allen diesen Gebieten sind unsere Mitbürger israelitischen Glaubens werte Bundesgenossen nach guten Zielen, auf keinem Gebiete sind sie vorzugsweise Vertreter einer Richtung, welche wir für gemeinschädlich halten müssen." Der Vorwurf wüster Demokratie, der Geldspekulation, geistreichelnden Literatentums müsse gegen christliche Kreise erhoben werden; „auch wir dürfen mit einiger Befriedigung sagen, daß nur noch die letzten Ueberreste alter Ueberlieferung und Unduldsamkeit zu überwinden sind, um die Herzen und Geister der deutschen Juden völlig in unser Volkstum einzuschließen." Es mögen hier und da noch Eigentümlichkeiten hervortreten, „und die Versuchung liegt nahe, dies Besondere als jüdische Art gegenüber der germanischen zu fassen. Aber wir haben Ursache, mit Mißtrauen auch auf solche Schlüsse zu sehen, welchen eine vorurteilsfreiere Betrachtung dieser Eigentümlichkeiten nahe liegt, denn es ist menschlicher Einsicht