KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268996-2268997--3799-2272900- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
16 K. C.-Blätter die beinahe verloren gegangen ist. Nicht nur mit der Betonung des Gleichen, sondern auch mit der Betonung des Besonderen kann eine Brücke zum inneren Verstehen zwischen uns und der nichtjüdischen Amwelt geschlagen werden. Wenn z. B. nichtjüdische Schüler in jüdische Andachtsstatten geführt werden, wie dies in letzter Zeit öfters geschehen ist, und ihnen dort jüdischer Gottesdienst und religiöser Brauch erklärt wird, dann wird durch solche Darbietung des Eigenen mehr am Werke der Verständigung geleistet als durch die Widerlegung judengegnerischer Lügen, so notwendig dies auch ist. Was hier von der Gemeinschaft geschieht, kann vom Einzelnen entsprechend getan werden, wenn er das Jüdische als Positives, das ihm innewohnt, dem Anderen aufschließt. HL Dies kann aber nur dann mit Erfolg geschehen, wenn sich das Jüdische in uns als seiner Natur nach dem Nationaljüdischen entgegengesetzt offenbart; es genügt nicht mehr, Gefühl gegen Gefühl zu stellen, wir muffen unseren Vundesbrüdern die Erkenntnis vermitteln, daß das Judentum unserer Väter mit dem, was der Nationaljude als „jüdisch" empfindet und bezeichnet, nichts gemein hat. Mit anderen Worten: Wir müffen die nationaljüdische Ideologie nicht nur aus unserem deutschen Heimatempfinden und Kulturwillen, sondern auch aus dem Geiste des Judentums, das unser Judentum ist, ablehnen und bekämpfen lernen. Nur dann werden wir im wahren Sinne des Wortes selbstbewußte Juden sein, der Quelle unseres Iudeseins, des Judentums bewußt, unser jüdisches Erbgut bewußt hineintragend in unser Leben und das Leben unserer nichtjüdischen deutschen Amwelt. Wir müffen erkennen: Anser Iudesein ist keine Tatsache, die nur festgestellt, hingenommen und proklamiert werden muß; es ist eine ethisch-religiöse Aufgabe, die wir im schärfsten Gegensatz zum Nationaljudentum zu erfüllen haben. Schon Samson Raphael Hirsch hat im fünfzehnten seiner „Neunzehn Briefe über Judentum" (1838) erkannt, wie gerade die Erkenntnis und Betonung des Judentums Brücken des Verständniffes zur nichtjüdischen Amwelt zu schlagen vermag: „Sei Jude, sei es wahrhaft, erstrebe das Ideal eines wahren Juden in Thauroherfüllung. der Gerechtigkeit und Liebe, — daß man dich achte, weil du Jude bist, nicht, obgleich du Jude bist; habe dich selbst als Juden begriffen und verbreite den Begriff davon durch dein Wort, noch mehr durch dein Leben, unter deine nichtjüdischen Brüder." Was ist es anderes als die Erziehung zum selbstbewußten Juden, was Samson Raphael Hirsch hier fordert und was ist es. anderes, als Bekämpfung des Antisemitismus durch Hervorhebung des Positiv-Jüdischen im religiösen Sinne gegenüber der nichtjüdischen Amwelt, was er schon vor beinahe hundert Jahren verlangt hat! Cs ist unsere Aufgabe gegenüber dem jüdischen Nationalismus, nicht nur unser deutsch-jüdisches Gefühl zu betonen, vielmehr auch gerade zu zeigen, daß dieses Gefühl Hand in Hand geht mit einem lebendigen jüdischen Zukunftsglauben im Geiste des wahren Judentums und der Verwirklichung