KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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K. C.-Blätter 11 Sind Wir Asfimilanten? Von Refr. Rudolf L. Leimansohn (Sprev.). In früheren Zeiten wurde der Gegensatz zwischen zionistischen und nichtzionistischen Juden gern durch die Worte „Assimilationsjudentum" und „Nationaljudentum" angedeutet. Mit dieser wenig in die Tiefe gehenden Markierung kommen wir nicht weiter, in einer Zeit, in der die politische Seite der Iudenfrage zur höchsten Bedeutsamkeit gesteigert worden ist. Heute muß eine viel schärfere Prägnanz der Stellungnahme verlangt werden. Das Wort „Assimilation" besagt in Wirklichkeit für den Gegensatz zwischen Zionisten und Deutschjuden gar nichts. Schließlich find auch die Zionisten „affimiliert", denn sie legen keinen Wert darauf, sich im bürgerlichen Leben von den nichtjüdischen Staatsbürgern irgendwie zu unterscheiden, sie tragen nicht Kaftan, sondern Sakko, sie grüßen durch Abnehmen der Kopfbedeckung, sie sprechen die deutsche Sprache, ja, sie verschmähen es keineswegs, im deutschen Staatswesen öffentliche Aemter auszuüben. Wenn sie ehrlich sind, können sie bei diesen einfachen Feststellungen nicht leugnen, daß auch sie von der Assimilation erfaßt sind; das heißt nämlich, daß sie hineingewachsen sind in den deutschen Staatsorganismus. And da von niemandem verkannt werden darf, daß unter den 12 000 gefallenen Juden, wie unter der Vielzahl jüdischer Kriegsteilnehmer überhaupt, ein erheblicher Teil Zionisten waren, so bedarf es eigentlich keiner näheren Erläuterung, daß spätestens im Weltkriegserlebnis fich die Assimilation auch der zionistischen Juden gebar. Am 7. August 1914 erschien in der Jüdischen Rundschau der denkwürdige Aufruf, der von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland unterzeichnet war, und in dessen Anfang es heißt: „In dieser Stunde gilt es für uns aufs neue zu zeigen, daß wir stammesstolzen Juden zu den besten Söhnen des Vaterlandes gehören." And mit freiwütiger Anbedingtheit heißt es in einem Aufsatz des „Jüdischen Studenten" vom 1. November 1914: „Wir wünschen den deutschen Sieg, weil wir das deutsche Volk lieben. Von deutschem Geiste befruchtet, hat das Judentum den nationalen Gedanken geboren .. . Deutsche Disziplin find die Vorbilder gewesen, nach denen wir unsere Organisationen geschaffen haben .. ." Liegt etwa nicht in diesem Bekenntnis zum deutschen Vaterlande, in diesem Bewußtsein, von deutschem Geiste befruchtet zu werden, in dieser warm aufströmenden Liebe die größere Erkenntnis, daß das Seelentum zweier Stämme sich vermählte, daß Assimilation geschehen ist? Denn nichts anderes verstehe ich unter Affimiliertsein, als dieses seelische Ineinanderwachsen, das wir Deutschjuden stets betont, die Zionisten zwar geleugnet, aber in kritischer und erlebnishafter Stunde durch eigenes Tun erwiesen haben. Darum glaube ich auch, daß der Zionismus in der Tat eine Selbsttäuschung, ja, eine Selbstverlorenheit, bedeutet. Cs ist nicht möglich, , den Menschen aus seinen historischen Zusammenhängen zu lösen, und gerade diese Aeberlegung führt zur Bejahung der jüdischen Assimilation. Geschichte ist nicht nur Summe der Ereignisse, sondern Summe der Bestimmungen und Entwicklungen. Der schon von Heraklit erkannte ewige Fluß aller Dinge hat es bewirkt, daß die Juden von heute andere Bestimmungen erfahren müssen