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KC-Blätter · 1930-11-01 · Heft 9 (November 1930) · p. Seite 152

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Journal
KC-Blätter
Volume
1930
Issue
Heft 9 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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152 K. C.-Blätter Oiachr.-Left Wenn ich mich dem Zwange nicht früher entzog, so trägt auch hier wieder meine Eigenschaft als Jude die Hauptverantwortung. Es ist uns ja fast unmöglich gemacht, uns „natürlich" zu benehmen. Wir sind ja gezwungen, alles zum Extrem zu treiben, fet es Wissenschaft, sei es Sport, sei es die Betonung der Psychologie und Haltung einer Gruppe, in die wir irgendwie hineingeraten sind. Wir müssen uns ja, ob wir dessen bewußt sind oder nicht (und zumeist sind wir uns dessen bewußt), immer wieder als echte Zugehörige „legitimieren", während der Nichtjude bis zum Beweise des Gegenteils ohne weiteres als legitimiert gilt. Nun, jedenfalls packte mich eines Tages der lange im Anterbewußtsein angewachsene „moralische Kater" mit voller Wucht, und zwar bei einer sehr merkwürdigen Gelegenheit. Wir hatten eine Propatriasuite mit einer Tübinger Burschenschaft; mir war die Fechtwartpartie zugefallen, und nach wenigen Gängen wurde drüben Abfuhr erklärt, und ich, wieder einmal völlig unberührt, sah zu, wie auf der anderen Seite zwei Opfer „geflickt" wurden: mein Gegner und dessen Sekundant; der Unglückliche, noch dazu Theologe, hatte bei dem Versuch, eine meiner Tiefquarten herauszufangen, selbst einen schweren „Durzieher" seines Paukanten erhalten, der ihm die ganze Oberlippe querspaltete. Als ich ausbandagiert wurde, ging mir dieses ganze Treiben als der Gipfel aller Philisterei auf. Wir haben uns mit vielem Traurigen abzufinden heutzutage. Dazu gehört und ist dem akademischen Lehrer eine besondere Trauer, daß so weite und einflußreiche Kreise der deutschen Studentenschaft zu Philistern geworden sind. Denn ein Philister ist, wer dem fremden Gesetz folgt und nicht dem eigenen, wer sich der Tradition blind beugt, vor den abgeworfenen Krebsschalen kniet und dem jung-sprossenden Neuen feindlich ist, nur weil es neu ist. Ich war vor ganz kurzer Zeit wieder einmal in meinem lieben alten Jena und sah am Marktplatz zu, wie hintereinander drei der farbentragenden. Verbindungen die bekannte Zeremonie mit dem „Hanfried" aufführten. Es war zum Weinen! Es war Theater vor dem Publikum internationaler Philister, das herumstand und herumsaß. Was einstmals in fröhlicher Laune aus Iugendübermut, selbst frisch und jung, in die Welt gesprungen war, war eine verrunzelte Schmieren» Schauspielermaske geworden, die man deutlich durch die Schminke sah. Klischee, Klischee! Ich dachte, ich wäre nach Tegernsee oder nach der Insel Marken geraten, wo auch vom Theaterfriseur aufgedonnerte „echte" Tiroler respektive Altholländer auftreten, ganz so wie hier „echte" deutsche Studenten. Ich dachte an Fritz Reuter und seine „Festungstid", und was er wohl sagen würde, wenn er diese Studenten beobachten könnte, die ganz bestimmt nicht zum Tode verurteilt und zu lebenslänglicher Festung werden begnadigt werden, weil sie einen noch nicht staatlich und Aesell» schaftlich genehmigten Ideal anhangen. Das war damals das unter der schwarrotgoldenen Farbe geeinte Deutsche Reich! „0 jerum» jerum jerum» 0» quae mutatio rerum!" O, alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du entschwunden! Braun an die Studenten. (Aus einer Rede des Preußischen Ministerpräsidenten.) Ein großer Teil der Jugend an den deutschen Hochschulen hat sich bewußt abgekehrt von allen demokratischen und sozialen Gedankengängen, hört gläubig auf die immer wieder von dem ehemals freiheitlich regierten Lande jenseits der Alpen kommende Prophezeiung, daß das Zeitalter demokratischer Gedankengänge unwiderruflich vorbei sei, und jubelt einem engen und ungeistigen Nationalismus entgegen. Diesem Nationalismus Gefolgschaft zu leisten, der nicht groß und frei gedacht ist, nicht Achtung und Brüderlichkeit gegenüber anderen Völkern atmet und vor allem nicht gesalbt ist mit jenem Tropfen demokratischen Oels, von dem einst Ahland sprach, daß ihn selbst der deutsche Kaiser nicht mehr entbehren könne, ist schon allein eine Todsünde gegen den Geist der Jugendlichkeit einer in Entwicklung stehenden Generation. Ja, wenn es wenigstens noch geistiger Radikalismus geworden wäret Äeber Geistiges läßt sich streiten.

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