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KC-Blätter · 1930-11-01 · Heft 9 (November 1930) · p. Seite 151

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Journal
KC-Blätter
Volume
1930
Issue
Heft 9 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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Nachr.-Left K. C.-Blätter 15L Cäsarenbewußtsein, als nach fast zweistündigem, erbittertem und blutigem Kampf der brave, mir an Größe und Körperkraft weit überlegene Junge abgeführt wurde, der bis dahin als der beste Fechter des D. C. gegolten hatte. Es war unser zweites Zusammentreffen: bei dem ersten hatte er, selbst schon hoffnungslos angeschlagen, mich durch einen Zufallstreffer außer Gefecht gesetzt, weil ich, meines Sieges schon sicher, in toller Angriffslust ohne jede Rücksicht auf eigene Deckung darauf losging. Ich forderte ihn sofort zum zweiten Male, und es kitzelte mich angenehm,- zu erfahren, daß von den benachbart?.n Hochschulen die besten Sachverständigen herübergekommen waren, um dem sensationellen Zusammentreffen beizuwohnen. Auch als Trinker stand ich meinen Mann; einmal kam ein Hallenser Student eigens nach Berlin, um mich zu einem „Bierjungen" herauszufordern; ich schlug ihn mit einer Nasenlänge. Ich wurde denn auch ganz allgemein als der gegebene Führer meiner Richtung betrachtet; es war eigentlich selbstverständlich, daß mich die vorklinischen Mediziner in das Komitee wählten, das den alljährlichen Kommers zu Ehren des Professors der Anatomie, den „Reichert-Kommers", leitete, und ebenso selbstverständlich, daß ich zwei Semester später von meiner Fakultät in den Studentenausschuß gewählt wurde. Hier traf ich zum ersten Male mit gescheiten Jungen von anderer politischer Richtung zusammen und lernte die Relativität aller Parteimeinung, wenn nicht erkennen, so doch ahnen. All das war für einen jungen Menschen von achtzehn bis zwanzig ja sehr lockend und erfreulich, und ich denke auch gern an den Eisenacher Deputierten-Konvent, den ich als Delegierter meiner Burschenschaft zu Pfingsten 1884 mitmachte, an den „Bierstaat" in Jena, wo meine Trinkfestigkeit mir die Ernennung zum „Gefürsteten Grafen von und zu Kunitz" und unzählige Blechorden einbrachte, und an manche andere frohe Begebenheit. Aber über dieser ganzen Zeit liegt doch ein Schleier. Ich fühlte irgendwo in der Tiefe, wo des Menschen Persönlichstes lebendig ist, in den Gründen, wo das Gewissen seinen Sitz hat, daß sich dieses ganze Leben des Müßiggangs nicht für mich schicke. Es war nicht mein Leben, und es war auch an sich eine Art zu leben, die der Einstellung meiner ganzen Gruppe, die all den Vorurteilen zuwiderlief, die ich aus dem Elternhause mitgebracht hatte. Dieses Leben widerstritt sowohl dem Ansatz dessen, was in einem so jungen Menschen schon als „Persönlichkeit" vorhanden sein konnte, wie auch dem Gruppenwesen in mir. Jener Prozeß der Feudalisierung, dem das ganze Bürgertum um jene Zeit mehr und mehr verfiel, jene Adelsäfferei, hatte auch meine Burschenschaft ergriffen, wie sich damals denn überhaupt die Burschenschaften immer mehr in Lebensauffassung und äußerer Haltung den Korps näherten, als deren Gegenspieler sie ursprünglich entstanden waren. Der Kampf zwischen Schwarzrotgold und Schwarzweißrot hatte damals bereits begonnen, nur mit dem Unterschiede, daß die damals neue Reichsfarbe Schwarzweißrot, vertreten durch die „germanistische", vor allem in Norddeutschland herrschende Richtung die ältere, „arministische" Farbe und Richtung zurückdrängte. Mehr und mehr schwand der alte Geist, den ich nach meines Vaters Schilderung in der Burschenschaft zu finden gehofft hatte» und in Freiburg auch noch in starken, lebenskräftigen Resten wirklich gefunden hatte, und mehr und mehr wurde das alte feudale, das sogenannte „Husarenideal" das Losungswort: „In einer Stunde drei Flaschen, drei Meilen Ritt und drei Mädchen". Kam es einmal mit meinen Bundesbrüdern zu einem politischen Gespräch, so riß sich die ganze Kluft des Gesinnungsgegensatzes zwischen uns auf, und ich fühlte nur um so stärker, daß ich hierhin eigentlich nicht gehörte. Was ich aber damals noch nicht voll begriff, sondern nur ahnte, war, daß ich hier nicht mein Leben führte. Die etwa drei Jahre, die ich in diesem Kreise zubrachte, sind, seitdem ich überhaupt zum Bewußtsein meines eigenen Ich gelangt war, die einzigen, in denen ich nicht dem eigenen Gesetz folgte, sondern, um es hart auszudrücken, ein Klischeeleben führte. Ich muß hier an die wunderbare Schlußstrophe in der Huttenbeichte von Conrad Ferdinand Meyer denken: „Mich reut, ich beicht es mit zerknirschtem Sinn» daß ich nicht Hutten stets gewesen bin."

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