KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 9 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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160 K.C.-Blätter Nachr.-Left Unter fremdem Gesetz. Von Franz Oppenheimer. Nachstehende Ausführungen des bekannten Gelehrten, die zuerst in der „Vossischen Zeitung" erschienen waren, bringen wir mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und des Verlages, da wir annehmen, daß fte auf Interesse stoßen werden, ohne im übrigen mit allen Anschauungen uns zu identifizreren. D. Red. Ich mußte mein Freiburg verlassen, um den Rest meiner Studienzeit in Berlin zu verbringen. Hier geriet ich sofort in den Wirbel jener aufgeregten Jahre, in denen die politischen Gegensätze die Studentenschaft in zwei feindliche Lager zu spalten begannen. Der „Verein Deut-, scher Studenten" hatte sich aufgetan als die Stätte, wo der junge aggressive Nationalismus seine Pflege fand, als der Ausdruck der neuen Staatsgesinnung, die die drei siegreichen Kriege und der mächtig sich entfaltende Kapitalismus geboren hatten; und wie die Studentenschaft überall und zu allen Zeiten nichts anderes ist als der rücksichtslos stürmende Vertreter in der sozialen Gruppe, aus der sie hervorgegangen ist, so war es auch hier; die jungen Leute waren von dem Geiste Treitschkes befeuert, und folgten mit Begeisterung dem gewaltigen Redner Hofprediger Stöcker, der damals zuerst dem neuen Antisemitismus öffentlichen Ausdruck gab. Auch mein lieber Adolf Wagner war führend an der Bewegung beteiligt, und zwar vorwiegend als Schüler des Staatssozialisten Rodbertus-Iagetzow, aus seiner antikapitalistischen Einstellung heraus; er fürchtete das jüdische Kapital mehr als das christliche. Das ganze war eine unausgegorene Mischung von Feudalismus und einem gefühlsmäßigen Halbsozialismus, und so ist es kein Wunder, daß aus dieser Bewegung späterhin auch überzeugte Sozialisten hervorgingen, wie Wolfgang Heine, der prächtige Pfarrer G ö h r e , und, ihnen sehr nahestehend, Helmut von Gerlach, der radikale Pazifist. Mit Heine und Gerlach habe ich damals in der alten „Tonhalle" in der Friedrichstraße bei den großen Studentenversammlungen jener Zeit ehrlich gesochten. Ich war nämlich selbstverständlich der großen Gegenorganisation beigetreten, die sich ihr Kriegslager und Hauptquartier an der Stechbahn geschaften hatte, der „Freien wissenschaftlichen Vereinigung". Sie bestand aus jungen Leuten, die sich noch in ehrlicher Aeberzeugung zu den Anschauungen des bürgerlichen Liberalismus bekannten; unter ihnen waren natürlicherweise zahlreiche Juden. Ich wurde fast sofort derFechtwart der damals mehrere hundert Köpfe zählenden Vereinigung und trat als einer ihrer Redner zum ersten Male auf die Tribüne. Die Argumente, mit denen ich unsere Sache vertrat, wären wohl nicht alle, so fürchte ich, in den Lehrbüchern der Logik »zu entdecken. Wenigstens erzählte mir viele Jahre später ein Augen- und Ohrenzeuge, ich hätte zum Schluß einer meiner Reden in den Saal hineingerufen: „Wer an meinem deutschen Vaterlandsgefühl zweifelt, möge sich nachher bei mir melden. Ich habe hundert Visitenkarten mitgebracht." Aber es hat sich niemand gemeldet! Nach einem ziemlich wilden Semester in diesem großen Verbände, dem ein starker politischer Idealismus geradeso Schwung verlieh wie dem gegnerischen „Verein deutscher Studenten", wurde ich wieder aktiv, und zwar bei der, dem Eisenacher Deputierten - Konvent angeschlossenen Burschenschaft „Hevellia", die mit meiner Freiburger Couleur in intimen Verkehrsbeziehungen stand. And nun begann eine Zeit, an die ich nur mit gemischten Gefühlen denken kann, Gefühlen, in denen doch das Negative überwiegt. Ich würde die Anwahrheit sagen, wollte ich behaupten, daß ich meinen Ruf als erstklassiger Fechter nicht genoß; es machte mir Spaß, zuweilen zu erleben, daß ein Student, der mit der unzweifelhaften Absicht, mich zu „rempeln", mit vorgestreckter Schulter steifbeinig auf mich zuschritt, plötzlich die Schulter zurücknahm und in scheuem Bogen um mich herumging, als er das damals sehr bekannte Gesicht erblickte. Ich blähte mich „wie ein Gockel", als ich den Sprecher der Germanen, ich selbst noch Fuchs» in vier Gängen mit vier „Abfuhren" „hinaustat", und ich hatte ein wahres