KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 8 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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128 K. C.-Blätter Nachr.-Lest fluß einer Werbung, die 20 Prozent der Deutschen zu gewinnen wußte. And wenn wir hören, daß Herr Göbbels grundsätzlich nicht mit Juden spreche, so schmerzt uns dabei nicht der Verlust der Möglichkeit, mit einem Göbbels diskutieren zu können, wohl aber der Tiefstand menschlicher Gesinnung, her sich in solcher verkrusteten Verstockung offenbart. Schmerzlich, bitter schmerzlich, daß gegen solche Mentalität 6,5 Millionen Deutsche, unempfindsam blieben. Genau so stark ist die Anempfindsanrkeit gegen alle Forderungen der Vernunft, die bei den Hitlerwählern zutage tritt. ' Die handgreifliche An- Natürlichkeit, die in der Heterogenität der Hakenkreuzpartei liegt, hätte abstoßen müssen. Stieß es aber den Mittelständler, den alten Militär, die vom Zollernruhm erschauernd träumende späte Jungfer ab, einer „Arbeiter Partei" ihre Stimme zu geben, wiewohl just diese Kreise am ängstlichsten die Differenzierung vom Proletarierstande hüteten? Ganz zu schweigen von den Schwerindustriellen, die die Kassen dieser Arbeiterpartei füllen helfen. In der Tat, Triumph der Anempfindsamkeit auf der ganzen Linie. Woher diese befremdliche Erscheinung, die fast einer seelischen und gedanklichen Auflösung gleichkommt? Kein Zweifel, die schwere Bedrängnis unserer Zeit, das Versagen der altbekannten Hilfsmittel, hat bei vielen einen psychischen Fieberzustand erzeugt. So erleben wir hier eine Flucht ins Absurde, die uns erinnert an die bekannte Flucht ins Religiöse, die so oft von hilflosen und immer wieder enttäuschten Seelen angetreten wird. Man wird es fast richtig heißen können, wenn kürzlich — es geschah in privatem Zirkel — das Wort fiel, der Nationalsozialismus sei eine gottgegebene Naturgewalt, eine Erscheinung, die kommen und vergehen müsse, wie Erdbeben, Gewitter, Springfluten kommen und vorüberziehen. Vielleicht kann man sie nicht einmal aufhalten, aber man muß sich sichern vor ihren Auswirkungen, so weit man es vermag. Beileibe nicht denken wir daran, dem Nationalsozialismus damit etwa ein sittliches Moment unterschieben zu wollen. Der Hort des Religiösen, als der er vielen Bedrängten heute erscheint, ist keineswegs ein blumiger Garten, und die innere Regung, die zu seinen Pforten treibt, ist nicht der Ausdruck kindlich reinen Arempfindens, sondern der Ausbruch krankhafter Verzückungszustände. Eine Verzerrung religiösen Empfindens wird man ihn nennen können, der seine Parallele findet in der absonderlichen Historie des Flagellantismus. So erscheint uns die Flucht ins Religiöse treffender charakterisiert als eine Flucht in die Krankheit. Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß es sich wohl eher so verhält und wir es nicht etwa mit dem Aufkommen neuer Kulturstile m tun haben. Ein Kulturstil, der sich durch das Wesen des Nationalsozialismus ausweist, ist eine contradictio in adjecto. Keine kulturelle Amschichtung steht bevor, aber Krankheit läßt ihre Fieberschauer im deutschen Volkskörper rasen. Vergessen wir nicht dabei die Tragödie der Jugend oder vielleicht auch des Jungseins die sich offenbart hat. Betrachten wir die deutsche Jugend als Gesamtheit, so sehen wir, daß sie zu einem unvergleichlich höheren Prozentsatz sich an Hitlers Ideologie begeistert hat. Was folgt daraus für diese Jugend selber, für die Problematik des Jungseins an sich? Es besteht doch bei dieser Gegenwartssituation das Verlangen, der Satz: „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft" möge sich nicht bewahrheiten, und es gesellt sich der stille Trost hinzu, die heutige Jugend wird dereinst anders denken als heute. Wenn sich aber eine Zeit mit solcher Hoffnung trösten muß, ist das nicht etwa der Bankerott des Jungseins selber? Wenn Jungsein nicht mehr eine Verheißung, sondern eine Verirrung ist, dann hat der Wunsch nach Verjüngung jeden Sinnverloren. Die Frage ist es also, ob die negativistische Einstellung der heutigen deutschen Jugend im Begriff der Jugend selber ihre Wurzel hat. Sicher ist» daß die Jugend sich aus ganz anderen Erwägungen heraus zum Hakenkreuz geschlagen hat als es die Aelteren taten. Wirtschaftliche Enttäuschungen können die wirtschaftlich unselbständige Jugend nicht in gleicher unmittelbarer Weise aufgewühlt haben; die Trauer um versunkene Flitterherrlichkeit kann jene nicht be»