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KC-Blätter · 1930-10-01 · Heft 8 (Oktober 1930) · p. Seite 126

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Journal
KC-Blätter
Volume
1930
Issue
Heft 8 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
Seite 126 (sequence 2)
Language
German
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126 K. C.-Blätter Nachr.-Left sogar. Aber ist denn das die M e h rheit? Wenn die Nazis selber von sich künden, die Mehrheit des Volkes hätte sich ihnen zugewandt, so gehört diese Großsprecherei zwar zu ihrer Methode, erreicht aber die Wirklichkeit noch bei weitem nicht. Vier Fünftel des Volkes sind noch nicht nationalsozialistisch, und die Tatsache, daß sich die Zahl unserer Todfeirwe verneunfacht hat, darf uns nicht dazu bringen, alle Maße zu überschätzen. Aus einer Winzigkeit sind die Hakenkreuzler zu einer Beachtsamkeit geworden, das darf nicht verkannt werden, aber der Sektor ist noch lange nicht breit genug, um den ganzen Lebensraum der Nation einzunehmen. Die Nervosität, in die manche Leute geraten zu müssen glaubten, scheint weniger daher zu stammen, daß es ein Fünftel geworden ist, als daher, daß es nicht beim erwarteten Zehntel blieb. Hätte man von vornherein auf ca. 100 Hakenkreuzmandate sich vorbereitet, der Schreck wäre weniger groß gewesen, weil das Erwartete uns weniger aus der Fassung bringt, und weil wir in der Tat bei aller Bedrohlichkeit bis jetzt noch nicht am Rande der Explosion stehen. So haben wir auch schon den zweiten der erwähnten Gründe angedeutet: Ihr hättet schließlich damit rechnen können, daß es mehr sein würden, als eine mit Optimismus getränkte Schätzung ahnen ließ! Haben wir denn nicht alle bemerken können, mit welcher grenzenlosen Mirakelgläubigkeit ganze Schichten der Bevölkerung das falsche Evangelium Adolf Hitlers in sich aufnahmen, haben wir denn nie bemerkt, mit welchem Heißhunger von weiten Kreisen der nationalistische Lesebrei verschlungen wurde, haben wir nicht berichten hören, wie Kopf an Kopf die Menge sich in Hitlers Wahlversammlungen drängte? Haben wir vielleicht gemeint, daß nur Brimborium und Tamtam die Massen zur Versammlung lockte, und haben wir am Ende übersehen, daß das gleiche Brimborium sie auch an die Wahlurne locken würde? Haben wir nie erleben können, auf Bahnfahrten, im Bekanntenkreise, bei Berufsarbeit usw., daß Leute, denen wir es nicht zugetraut hätten, sich im Gespräch als Gläubiger der tzitlerlehre entpuppten, und haben alle Beobachtungen und Eindrücke uns nicht die Auffassung erzeugen können, daß es vielleicht die Hakenkreuzler noch viel weiter bringen könnten, über die Grenze dessen hinaus, was allenfalls noch gerade so erträglich scheinen wollte? Das ist ja gerade das Krebsübel, an dem die Politik just jener Kreise krankt, die an der Wahrung der republikanischen Verfassung und der durch sie verbürgten Rechte interessiert sind. Noch jede ernste Niederlage, die diese Kreise, zu denen auch wir gehören, bisher erlitten haben, hatte ihre ursprünglichen Ursachen im Nichtsehenkönnen, im Nichtsehenwollen, in einem allzu biederherzigen Optimismus, der sich lieber vom Schlimmen überrumpeln ließ, ehe er schon vorher an seine Exrstenz glauben mochte. So ist der Kapp-Putsch und der Hitler-Putsch über uns hereingebrochen, so sind, einmal speziell gesprochen, die vorjährigen Berliner Universitätskrawalle über uns gekommen. So darf es nicht weitergehen! Wir müssen heraus aus einer Lethargie, die unsere Sinne lähmt» unser Auge darf nicht trübe werden, und die Konturen der Gefahr erst unterschätzen, um sie hernach noch sicherer zu überschätzen. Wir wollen mir richtigem Augenmaß betrachten, wie unsere Situation als deutsche Juden sich gestaltet hat. Ein Fünftel des Volkes hat die Liste unserer erklärten Feinde gewählt. Es ist ganz selbstverständlich» daß dieses Fünftel nicht etwa in seiner Gesamthert den Juden Tod und Verderben geschworen hat. Sehr viele sind zwar der antisemitischen Parole gefolgt, sehr viele andere aber auch haben trotz dieser Parole, aus neutralen Gründen, Liste 9 angekreuzt. Damit entfällt nun schon die schauerliche Mär» als habe das deutsche Volk in seiner Mehrheit vor» sich mit Krallen und Zähnen auf den jüdischen Mitbürger zu stürzen. Die Angriffslust freilich derer, die berufsmäßig zum Radaumachen bereitstehen, ist sicherlich durch das Vertrauensvotum weiter Kreise gesteigert worden. Wenn wir dieses Moment nicht übersehen, dann sollten wir wissen, daß wir von seiten der organisierten Pöbelscharen mancherlei zu erwarten haben, weil ihnen der Kamm geschwollen ist. Nicht weil die Hitler-

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