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KC-Blätter · 1930-08-01 · Heft 7 (August 1930) · p. Seite 106

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Journal
KC-Blätter
Volume
1930
Issue
Heft 7 (August 1930)
Date
1930-08-01
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 K. C.-Blätter bürgertum. In jüngster Zeit haben zionistische Organisationen in öffentlichen Veranstaltungen zur deutschen Iudenfrage Stellung genommen und Aussprachen bewirkt, die in mehrfachem Betracht bemerkenswert sind. So vernahm man über die Beziehung des Zionismus zum deutschen liberalen Judentum — laut „Ita" — folgende Auslastungen des Herrn Dr. Kanowitz: „Ein großer Teil von Zionisten habe Beziehungen zur Welt des Liberalismus. Die Verbindung von Liberalismus und Astimilation in Deutschland ist eine tragische Entwicklung. Der Zionismus ist an einem dogmenfreien jüdischen System interessiert.'Das aber ist auch die Kernfrage des Liberalismus. In der Frage nach dem Sinn des Judentums stellt der Liberalismus die Mistionsidee auf und protestiert in deren Namen gegen den Zionismus. Dabei entfernt sich der Liberalismus dauernd von seinem Ziel und schafft so eine jüdische Lebenslüge. Der Durchbruch des Religiösen durch das Ritual ist wohl eine echte Erscheinung, aber die Retouche des Judentums nach dem Leben ist opportunistisch. Schärfste Kritik daran üben die besten Liberalen selbst, z. V. tat dies Dr. Vaeck auf der liberalen Weltkonferenz. Der Liberalismus hat den Prophetismus zu einem System ethischer Sätze gemacht und bekämpft den Satz, daß nur das jüdische Volk Träger der jüdischen Lehre sein kann. Man will eine abstrakte Weltreligion schaffen. Erlebnis und Gläubigkeit sind die entscheidenden religiösen Elemente für den Liberalismus. 'Man kann aber nicht darüber streiten, ob die Gläubigkeit, sich erneuern wird oder nicht. Daher ist der Glaube an die Erneuerung wirkungslos in bezug auf die aktuelle jüdische Situation. Man wünscht die religiöse Welle als Parole gegen den Zionismus herbei." Dazu ist nun zu sagen, daß alle diese eindrucksvoll klingenden Vegriffsbezeichnungen an falscher Stelle ins Feld geführt worden sind. Gewiß ist die dogmenfreie Lcbensbctrachtung die Kernfrage des Liberalismus. Der Zionismus aber drapiert sich zu unrecht mit dem Anschein einer gleichen Vestrebtheit. Gibt es denn ein stärkeres Dogma als den verkrampften starren Glauben an die volkhafte Struktur der jüdischen Lebensaufgabe? Ist denn dieser Glaube .nicht durch ungezählte geschichtliche und Rachr.-Äeft kulturelle Fakten längst als inhaltlos erwiesen, und ist diese Jagd nach einem Phantom, diese Anbetung einer leblosen Fiktion nicht gerade das, was mit dem Namen Dogma bezeichnet wird, Dogma im Sinne des sacrifizierten absurdum? And der Liberalismus, der gegen diese Erscheinung zu Felde zieht, entfernt sich absolut nicht von seinen Zielen, die eben in der Bekämpfung jeglicher gegenwartsfremder Konservierung bestehen. Man komme nur nicht mit dem Cinwand, der Zionismus sei der eigentliche Liberalismus, denn er wolle Bresche schlagen in die Daseinsgestaltung der Iudenheit. Mit der Aenderungssucht allein ist noch nichts für die liberale Sache getan. Was der Liberalismus will, ist die lebendig fließende Bewegung, die aus den Cntwicklungslinien der zur Zukunft werdenden Gegenwart die Linie des eigenen Laufes gewinnt. Der Zionismus aber, der in Verkennung dieser Strömungen nach alten Spuren sucht, die längst vom Staub der Jahrtausende verschüttet sind, ist darum nichts als eine reaktionäre Erscheinung, und im Hinblick auf ihn selber ziemt es eher, von einer jüdischen und kulturgeschichtlichen Lebenslüge zu sprechen. Der gleiche Referent sprach über die Wirkung des Antisemitismus auf die Juden. Cr untersuchte die Frage, was der Antisemitismus aus dem Juden selbst mache. „Der Antisemitismus kann ihre Sicherheit zerstören und irreparablen Schaden in der jüdischen Seele anrichten. Während die Juden im Grunde früher gegen ihn immun waren, bekam er, seitdem er mildere Formen annahm, Gewalt über sie. Der Jude fühlt sich ihm gegenüber hilflos, weil er ihn nicht zu deuten vermag. Aus falscher Deutung heraus kam es bei den Juden zu einer Psychose des Verfolgungswahns. Zugleich aber führte man einen Kampf gegen sich selbst: Abbau war die Parole; der „jüdische Antisemitismus" bekämpfte die sogenannten schlechten Eigenschaften der Juden, jeder suchte sein Heil in der Vereinzelung. Man suchte den Antisemitismus als ein Mißverständnis aufzuklären und führte einen Kampf ums Recht als sittliche Pflicht, wie man heute ganz ähnlich für die Seele Deutschlands kämpft. Die Juden hatten die Wertmatzstäbe der Umwelt anerkannt, und es trat ein Verfall der jüdischen Persönlichkeit ein.

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