KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 1 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachr.-Äeft K. C.-Blätter 3 stäblich abgeschoben zu werden. Der Mann, der lange Jahre seinen besten Willen an die Republikanisierung des Schul-- und Hochschulwesens wandte, hätte größeren Dank erwarten können. Den ehrlichen Willen wird ihm auch der nicht abstreiten, der die Halbheiten und Fehler des Beckerschen Wirkens oft gerügt hat. Wie oft hat man dem verantwortlichen Leiter der preußischen Hochschulgeschicke ein „Landgraf, werde hart!" zurufen mögen! So bedeutete die Beilegung des Falles Lessing, die doch nur ein verklausuliertes Zurückweichen vor der Reaktion war, der Republik keine -gewonnene Bataille, und über den herzlichen Empfang des ungarischen Xumeru8 - e1au8U8- Ministers wird so mancher besorgt den Kopf geschüttelt haben. Das aber lag in den ersten Ministerjahren Beckers, und in der jüngeren Zeit haben Fälle, wie z. B. die Auflösung der Deutschen Studentenschaft und die Affäre Hellfritz gezeigt, daß die Energie des Ministers sich zu stärken begann. Man muß schließlich bedenken, daß das Hochschulgebiet heutzutage für den preußischen Aniversirätsminister leider Zolles eine Kampfzone erster Orbrung ist,- aber gerade darum muß man verlangen, daß ein Minister, der es mit seiner republikanischen Aufgabe ernst meint, sich mit stahlharter Lntschlossenheit und Rücksichtslosigkeit panzert. Den ernsten Willen hat Becker zweifellos gehabt, nur hat er, keinem feinsinnigen Naturelle entsprechend, oft auch die Fragen der ijauhen Tagespolitik lieber mit der Behutsamkeit des Bildungsästheten tngerührt. Die Auswechslung des belehrten durch den Verwaltungsmann nag ihm in den ersten Jahren schwer gefallen sein. Die letzten Jahre zeigten eine erfreuliche Wendung, die hoffen ließ, daß in Zukunft das preußische Kultusministerium ein verläßliches Bollwerk gegen die akademische Reaktion sein würde. Prof. Becker aßt einen unfertigen, wenn man will, juch einen zerschlagenen, Bau zurück.!ln diesem Scheitern des studentisch- ^publikanischen Aufbauwerks ist er tber bestimmt nicht schuld. Es soll ruch nicht vergessen sein, daß manches unter ihm gebessert wuroe, was hwor noch böser war, denn wenn lud) die intransigente Studentenschaft jp noch nicht bekehrt hat, so hat sie allmählich doch zu spüren bekommen, daß eine allzu heftige Schrankenlosigkeit sich einmal doch die Köpfe einrennen könnte. Ein Prozeß, der hierfür typisch ist, fand dieser Tage in Berlin statt. Es wurde gegen die aufrührerischen Studenten verhandelt, die im Sommer vergangenen Jahres anläßlich von Straßendemonstrationen die Bannmeile überschritten hatten. Ein Vergehen» das, von harmlosen Spaziergängern begangen, nicht tragisch wäre, angesichts der verhetzten Mentalität vieler Studenten schon bedenklicher ausschaute, und auf alle Fälle immerhin ein Gesetzesbruch ist. Die Polizei, die den Demonstranten mit aller gebotenen, aber wahrscheinlich ungewohnten Schärfe entgegentrat, mußte auch hier den gleichen Vorwurf einstecken, wie stets, wenn sie einmal den randalierenden Musensöhnen den Nimbus der tzöherwertigkeit zerpustet: Sie verletzte akademische Freiheitsrechte; Rechte, die in Wirklichkeit nicht existieren und nur in der volksfremden Blasiertheit ihrer Verkünder leben. Spaßhafter Weise bringt die studentische Rechtspresse den Bericht über diese Verhandlung unter der Spitzmarke „Der Kampf der Berliner Studenten". Was bedeutet das? Will man eine nalle Gesetzesdurchbrechung heroisieren zu einem Kampf gegen... — ja wogegen? Gegen Windmühlen! Denn es ist ja gar nicht der Staat, der der Studentenschaft zu Leibe will, sondern mißleitete Studentenkreise selber provozieren ihrerseits unablässig den heutigen Staat. Eine Studententragödie anderer, viel schicksalsschwererer Art ist kürzlich zu ihrem vorläufigen Abschluß gelangt. Der lettisch-jüdische Student tzalsmann ist nunmehr auch in letzter Instanz des Vatermordes schuldig be- Eunden und bereits zur Abbüßung >er vierjährigen Kerkerstrafe einge- Uefert worden. Dieser Prozeß, der weit über die Kreise der Beteiligten hinaus die Aufmerksamkeit einer ganzen Kulturwelt gewann, hat damit ein Ende gefunden, das allerorts die dumpfe Beklemmung des Zweifels am Rechtsbefund auslösen muß. Änberührt von jedem Sentiment, das einem Juden solch schwere Blutschuld nicht Zutrauen mag, glauben wir doch, daß die bekanntgewordenen Amstände 1