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KC-Blätter · 1930-09-01 · Heft 3 (September 1930) · p. Seite 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1930
Issue
Heft 3 (September 1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 62 (sequence 20)
Language
German
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62 K. C.-Blätter Meinung! Aber wenn die Ueberzeugung euch die Möglichkeit läßt, Treue zu halten dem Glauben der Väter, dann müßt ihr nicht nur treu bleiben, sondern die Treue muß auch ein Heiligtum sein. Es gab damals mehr Schwankende als heute. Der auf uns lastende Druck hat Gegendruck erzeugt. Aber jene Erörterungen bleiben gerade dem ewig unvergeßlich, der die Festigkeit gesehen hat, mit der Ludwig Haas der ringenden Jugend dieses „Ehre Vater und Mutter!" zugerufen hat. Seine Liebe, seine Treue zu dem Väterglauben hat er auch in verantwortungsvoller Stellung im besetzten Polen bewiesen. Unbeirrbar in der Wahrnehmung der deutschen Interessen hatte er ein warmes und starkes Empfinden für die Leiden und Nöte der polnischen Juden, deren Angelegenheiten ihm als dem Sachbearbeiter des Gouvernements Warschau unterstanden. Viele, viele Wochen war ich mit ihm in Warschau zusammen und weiß, daß es heilte Hunderttausende in Warschau geben wird, die in Tränen den letzten Weg unseres Ludwig Haas begleiten. Ein zweites: Die Liebe zum Daterlande war ihm so, daß er nicht fragte, ob es gut, ob es weniger gut zu seinem Kinde ist. Nicht das geringste von dem, was wir heute Ressentiment nennen, ist in unserem Ludwig Haas. Er war ein Mensch, dem immer Erdgeruch anhastete, der geboren und gewachsen war in dieser badischen heimatlichen Erde, so sichtlich, daß er diesen süddeutschen Charakter niemals, auch nicht einen Augenblick vergessen konnte. Denn dieser Charakter seiner Heimat war sein Charakter geworden. Das ist das positiv Gebundene. Das spekulativ Ausschauende war hier, daß trotz dieser Heimatliebe und gerade bei dieser Heimatliebe Haas ein Weltbürger war. Das hat sich gezeigt, als er die Schaffung der deutsch-französischen Annäherung als ein Stück seiner Lebensarbeit betrieb und uns im Eentralverein immer darauf hinwies, daß wir als jüdische Deutsche die Aufgabe haben, nicht nur der Volksversöhnung, sondern auch der Völkerversöhnung zu dienen. And in welchem Geiste verlangte er von uns die Erfüllung seiner Forderungen? Im Geiste der absoluten Gerechtigkeit auch dem Widersacher gegenüber. Bis in die letzten Gespräche hinein war ich gewöhnt, bei Erörterungen mit ihm immer wieder die Worte zu hören: „Du mußt bedenken!" Dieses „Du mußt bedenken!" zeigt ihn als Prüfenden, der nie allein seinem dunklen Gefühl folgte, sondern den immer das Streben nach letzter Erkenntnis leitete. So war er in der Jugend, so im reiferen Alter. Den Groll, den so viele und nicht die schlechtesten Männer und Frauen jüdischen Glaubens über manches Unrecht, das ihnen geschieht, im Herzen tragen, kannte er nicht und er überwand ihn als nebensächlich gegenüber dem heiligen Gefühl der Treue und Liebe für Heimat und Vaterland. Und das wichtigste ist, was wir mit ihm und durch ihn als eine besondere Forderung empfunden haben: das ist die Forderung der Selbstprüfung. Schon als Student hat Ludwig Haas von uns immer das „Erkenne dich selbst!" verlangt. Er forderte Selbstkritik von uns, weil er wußte, daß die teilweise ttestraurige Vergangenheit unserer Gemeinschaft Schlacken und Rostflecken an dem Körper der Iudenheit hat entstehen lassen. So rief er uns in der Jugend und im späteren Alter

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