KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 3 (September 1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 61 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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K. (£ -Blätter 81 So bildet die hier unternommene Darstellung der Familie Haas gleichsam einen Längsschnitt durch die Geschichte der deutschen Juden während der letzten 200 Jahre und in weiterem Sinne einen Beitrag zur deutschen Kultur- und Rechtsgeschichte. Wenn eine nationalsozialistische Zeitung Ludwig Haas einen „gefährlichen Juden" nannte, so mag dies, von ihrem Standpunkte aus gesehen, eine gewisse Berechtigung haben. Denn die Persönlichkeit Ludwig Haas' und — wie wir sahen — seine Herkunft sind die schärfste Widerlegung gegenüber allen denen, die dem deutschen Juden das Heimatsrecht auf deutschem Boden absprechen. Reden am Grabe von Ludwig Haas. Dr. Ludwig Holländer: Die Stunde ist zu groß und zu weihevoll, als daß der einzelne ein Recht hätte, mit seiner persönlichen Erinnerung und mit seiner Trauer, kurz, mit der Darstellung seiner Empfindungen vor Sie zu treten. Aber wenn mir, dem Vertreter des großen Centtalvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, anvertraut worden ist, unserem geliebten Freunde ein Wort der Liebe, der Verehrung und des Dankes nachzurufen, so glaube ich, der Jugendfreund des Verewigten, die mir gewordene Aufgabe besonders gut erfüllen zu können, weil ich das Glück hatte, als junger Student in München gemeinsam mit Ludwig Haas die dortige Verbindung der deutschen Studenten jüdischen Glaubens zu leiten. So hat ein halbjähriges gemeinschaftliches Streben uns beide fast ununterbrochen beisammen gesehen und uns gegenseitig menschlich ganz besonders nahe gebracht. Denn die Jugend läßt die Menschen am leichtesten zueinander finden. Hier ist die Sicherheit vor Enttäuschungen am besten gegeben. Die Charaktere erschließen sich im Verkehr miteinander rückhaltlos. Die Jugend erkennt am besten, was wir an dem Freunde besonders lieben. Wenn wir nun den geliebten Jugendfreund zur letzten Ruhe betten, so verstehen wir die Tiefe der Worte: „Was wir bergen in den Särgen, ist das Erdenkleid, was wir lieben, ist geblieben, bleibt in Ewigkeit." Und was wir lieben, ist dasjenige, was wir auf der Suche nach dem Gott in der eigenen Seele in der Seele des anderen erblicken, die uns das Heilige enthüllt, nach dem wir streben. Haas hat uns gezeigt, wie ein Mensch in edelster Vereinigung das spekulattv Ausschauende mit dem positiv Gebundenen vermählen kann. Wir standen häufig in schwerem Ringen zu der Frage: Wie steht es mit unserem Väterglauben, sollen wir, können wir ihm treu bleiben? Da war er es, der uns immer wieder lehrte, was er später in einer großen Kundgebung am 1. März 1914 zu Frankfurt a. M. vor vielen, vielen Hunderten aussprach: „Wenn eure Ueberzeugung euch nicht zwingt, dann bleibt dem Glauben eurer Väter treu." Das Wort: „Ehre Vater und Mutter!" habe in diesem Zusammenhänge eine noch viel größere und viel gewaltigere Bedeutung als im allgemeinen Sinne. Zuerst die Ueberzeugung. Niemand darf gegen seine ihm durch innere Prüfung gewordene Ueberzeugung handeln. Achtet und ehret jede religiöse