KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 3 (September 1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 48 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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48 K. C.-Blätter der Arbeitslosenversicherung hat er m. W. als erster Politiker im bürgerlichen Lager bereits vor 25 Jahren eingehend bearbeitet. Bald wurde er Stadtrat in Karlsruhe, und als die vereinigten Liberalen (d. h. fortschrittliche Volkspartei und nationalliberale Partei) im Wahlkreis Karlsruhe-Bruchsal, der seit mehreren Legislaturperioden in sozialdemokratischem Besitz war, an die Aufstellung eines Kandidaten für die Reichstagswahl 1912 gingen, bezeichnete die allgemeine Stimmung Ludwig Haas als den einzigen aussichtsreichen Bewerber. Er kam mit dem Sozialdemokraten Geck, dem bisherigen Vertreter, in die Stichwahl, während der von dem im Wahlkreise recht starken Zentrum unterstützte konservative Freiherr v. Gemmingen ausfiel. Für die Stichwahl proklamierten die ausgefallenen Parteien zunächst Wahlenthaltung. Erst am Nachmittag des Stichwahltages selbst gab die Führung des Zentrums die Parole für Haas aus, vielleicht weniger aus freiem Entschluß als unter dem Drängen ihrer Anhänger. Das zeigt eine kleine, am Tag nach der Wahl mir von einem auch Haas sehr nahestehendes gemeinschaftlichen Freunde berichtete Szene, die hier als Zeugnis für die Volkstümlichkeit unseres toten Freundes berichtet sei: Der Ausgang der Stichwahl wurde in zwei großen Versammlungen, zuerst in Bruchsal und dann in Karlsruhe bekanntgegeben: Als die Wahl von Haas feststand, feierte in Bruchsal zuerst der. demokratisch-fortschrittliche Führer Stadtrat Hoffmann den Sieg der gemeinsamen liberalen Sache, dann der Führer der badischen Nationalliberalen, Oberschulrat Rebmann, den siegreichen Kandidaten, dessen Persönlichkeit man in erster Linie den Erfolg verdankte. Als aber dann der katholische Stadtpfarrer aus die Tribüne stieg, um „unseren allgemein beliebten Landsmann Ludwig Haas" zu beglückwünschen, für den deshalb auch das Zentrum noch im letzten Augenblick eingetreten sei, rief der katholische Küster laut: „Ich hab'n bei Gott schon im erschte Wahlgang gewählt." Wer mit den Verhältnissen in den parlamentarischen Fraktionen vertraut ist, weiß, wie schwer es im allgemeinen parlamentarischen Neulingen gemacht wird, dort in wichtigeren politischen Fragen rednerisch hervorzutreten. In welchem Maße Ludwig Haas sich in kurzem allgemeine Achtung im Reichstag zu erwerben wußte, geht daraus hervor, daß er bei der Debatte über die berühmte „Zaberner Affäre", die die politischen Verhältnisse in unserem Vaterlande überhaupt, wie die Mißgriffe der militärischen Verwaltung der „Elsaß-Lothringischen Reichslande" insbesondere in helles Licht rückte, als Fraktionsredner für seine Partei sprechen und durch seine ebenso maßvollen, wie sachlich treffenden Ausführungen den Beifall des ganzen Hauses gewinnen konnte. — So oft er im Reichstag das Wort nahm, stets hatte er, wie wenige, dije. Aufmerksamkeit des Hauses und selbst die zügellosen nationalsozialistischen Lärmmacher wurden schüchtern, wenn er sprach. Denn immer hatte man die Empfindung: Hier spricht eine lautere, selbstlose Persönlichkeit aus innerer Ueberzeugung, nicht mit Schlagworten zu agitatorischen Zwecken und nicht, um mit scharfgeschliffenen Wendungen den Gegner zu verletzen, sondern ihn zu überzeugen. Dabei kam ihm eine tiefe, wohlklingende Stimme und die sympathisch-breite Sprache seiner Heimat zustatten.