KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 2 (Juni 1930)
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 33 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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K. C.-Blätter 33 Tradition. Von Rechtsanwalt Dr. Kurt Alexander, Krefeld (Bad.--Bav., Rhen.-Sil.). Tradition! — ein Wort, das die Jugend niemals gerne hört, ein Wort, das bei der heutigen Jugend geradezu verpönt ist. Es ist das gute und vielleicht das schönste Recht der Jugend, nach Neuem zu streben. Dabei verschlägt es auch durchaus nichts, daß das Neue, nach dem die Jugend trachtet, nicht immer realisierbar ist. Die Begeisterung schießt gerne über das Ziel hinaus. Jugend muß aber von Begeisterung erfüllt sein, wenn sie überhaupt ihre Kraft anwenden will: Doch eines muß auch von der Jugend bei aller Anerkennung des in ihr wohnenden Pathos und bei aller Achtung vor ihrem Streben nach Neuem verlangt werden; sie darf die Grundlagen, auf denen sie selbst steht und die ihr erst die Stütze zu ihrem Flug nach ihren Zielen bietet, nicht wegstoßen, sonst schwebt sie zwischen Himmel und Erde, sie wird weder zu dem einen zurückkehren, noch das andere erreichen können. Nun wird man zugestehen müssen, daß es für die heutige Jugend ganz besonders schwer ist, diese Basis aller Arbeit nicht zu verlieren. Unsere Jugend hat mit viel komplizierteren Verhältnissen sich abzufinden, als die es waren, unter denen wir selbst jung waren. Die ganze politische, wirtschaftliche, geistige Umbildung, die unsere Zeit durchmacht und die stark beeinflußt ist von den ungeheuren technischen Fortschritten des letzten Jahrzehntes, wirkt sich am folgenschwersten für die Jugend aus. Sie hat sich in ganz neue Begriffe hineinzudenken. Ganz andere Zukunftsmöglichkeiten, die sich zunächst als Zukunftsbeschränkungen darstellen, tun sich ihr auf. Sie sieht, daß sehr viele Probleme, die die Aelteren von ftüher her übernommen haben und die heute noch für sie maßgeblich sind, keine dauernde Existenzberechtigung mehr haben. Sie sieht, daß die Komplexe aller Dinge in einer rasend schnellen Folge sich abwickeln, und sie fühlt sich daher in eine Welt gestellt, die wenig Verbindung mit der Vergangenheit zu haben scheint und die auszugestalten und zu festigen sie als ihre Aufgabe betrachten kann. Daß all dies die seelische Struktur der heutigen Jugend auf das stärkste beeinflußt, ist begreiflich. Daher auch die außerordentlich starke Zerrissenheit unter der Jugend. Auf der einen Seite unbedingte Abwehr dieses Neuen, noch Nnoerständlichen und daher starkes Anklammern nur an das Alte, auf der andern Seite absolute Ablehnung jeder Vergangenheit und nur radikalstes Hinneigen zum Neuen, Werdenden. Was dem einen wie dem anderen Teil der Jugend fehlt, ist — so bitter dieses Wort auch der Jugend klingen mag — die Tradition, oder besser das richtige Verständnis für den Begriff der wahren Tradition. Ich halte mich um so mehr verpflichtet, dies in dem Augenblick, in dem unsere Verbindung auf eine Vergangenheit von vier Jahrzehnten zurückblickt, zu unterstreichen, weil ich auch im vergangenen Jahre bei dem 30jährigen Stiftungsfest meiner Bonner Verbindung in der Festrede der akademischen Feier über den Begriff Tradition gesprochen und weil ich danach erkannt habe, daß man mich anscheinend durchaus