KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 2 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 30 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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so keine so weitgehenden Schlüsse ziehen, wie der Verfasser. Ich vermisse in dem Buche von Kulla ein tieferes Eindringen in das Wesen des jüdischen religiösen Liberalismus. Warum erlaubt die jüdische liberale Gemeinde ihrem Geistlichen nicht dieselbe religiöse Freiheit, die die Gemeindemitglieder beanspruchen? Ist es ein grundsätzlicher Liberalismus? Ist es wie im liberalen Protestantismus, wo wenigstens zwischen den führenden Gemeindemitgliedern und dem Geistlichen eine einheitliche Auffassung besteht? Ich frage absichtlich nur und gebe keine Feststellungen. Aber das Problem fcheint mir nicht so einfach zu liegen, wie Kaulla glaubt. Merkwürdig berührt mich, daß Kaulla so völlig verständnislos der Frage gegenübersteht, warum der deutsche Jude, von orthodoxer Bindung abgesehen, Jude bleiben will. In diesen Blättern braucht das nicht dargelegt zu werden. Nur eines sei Äerrn Kaulla gesagt: Von den Gründen der Tradition abgesehen, glauben wir an die Werte der mannigfachen sozialen und historisch gewordenen Gruppen im Volkskörper. Wir glauben, daß auch die jüdische Gemeinschaft dem deutschen Volke und der Menschheit Werte nicht nur gegeben hat, sondern auch in Zukunft geben wird. Wir glauben es nach dem Anglück dieses Krieges mehr als je. Mögen wir in Einzelheiten von den Auffassungen Kullas abweichen, so bleibt sein Buch doch eine dankbare Widerlegung der Legende, daß der Jude von Äaus aus ein Feind staatlicher Autorität, daß er nur negativ, kritisch und destruktiv sei. Ludwig Laas. (Bad.-L., Fr.-Gh.) gUpttfrliJtimiftye Erziehung. „Die Nation muß daran gewöhnt werden, ihre eigenen Geschäfte zu verwalten." Mit diesen Morten des Freiherrn vom Stein umfaßt Reichsminifier a. D. vr. David die Aufgabe einer neuen Schriftenreihe: „Republikanische Erziehung."*) Vier Aufsätze von Liniversitätsprofessor vr. Friedrich Dessauer-Frankfurt a. M., Oberschulrat Or. Leinrich Deiters-Kassel, Rektor Werner Wickel-Nassau, und Studienrat vr. Clemens S ch raste- Wiesbaden, von denen die ersten drei; aus Referaten bei einer Tagung des Deutschen Republikanischen Lehrerbundes hervorgegangen sind, wollen die Wege der Erziehung zum republikanischen Menschen zeigen. Einleitende Worte der Neichsminister Severing und vr. Wirth und des preußischen Llnterrichtsministers Professor vr. Becker weisen auf die Bedeutsamkeit und den Sinn dieser Aufgabe hin. *) Republikanische Erziehung. Schriftenreihe herausgegeben von Professor Ludwig Lüter. Lest 1: Wie erziehen wir republikanische Menschen? Anhang: Lieber den Deutschen Republikanischen Lehrerbund. Langensalza, Verlag von Julius Beltz. Einig sind alle Autoren darin: Nicht die technische Beherrschung des staatlichen Lebens, nicht das äußere Bekenntnis zur republikanischen Staatsform ist das wesentliche Erziehungsziel, sondern der Geist, der Gesinnung und Lattung des republikanischen Menschen bestimmt. Die Republik gewährt allen ihren Borgern die Gleichheit der Chance. Gleichheit bedeutet, wie Professor vr. Dessauer ausführt, nicht die Beharrptung, daß die Menschen nach Körper und Geist gleich seien, Gleichheit bedeutet die Forderung, daß jedem Menschen die gleiche Möglichkeit des Ausstiegs gegeben wird> daß nicht Vorrechte des Standes und der Abstammung die Auslese der Führer bestimmen, sondern allein die Tüchtigkeit von Charakter, Geist und Körper. Diese Gleichheit der Chance, die der republikanische Staat gewährt, verlangt, daß der republikanische Mensch zu zweierlei zu erziehen ist: Zum „kair play“, daß er die „freie Bahn dem Tüchtigen" nicht nur für sich selbst fordert, sondern sie jedem Mitbürger zugesteht, daß er die ungeheure Summe der Vorurteile, die bisher die Gesellchaft beherrschten, abstreift und auf jedes nicht aus eigener Kraft und persönlicher Fähigkeit fließende Vorrecht verzichtet. Llnd zur „Sauberkeit": Ehrliche Landlung muß ehrlicher Gesinnung entsprechen. Liberalismus wie christliche Weltanschauung verlangen, daß nicht wenige die Volksgemeinschaft beherrschen, sondern daß alle lernen, ihr zu dienen, alle gleich geachtet und gleich gewertet werden. Deshalb muß die Erziehung dem von der Vernunft geleiteten Willen gegenüber den vom Trieb getragenen stärken. Die Vorurteile und Instinkte, die unnöüge Kämpfe und Lärten unter den Menschen herbeiführen, sollen überwunden werden durch Bildung der Gesinnung auf der Grundlage des Wissens. Die Forderungen, die Professor vr. Dessauer aufstellt, entsprechen nicht nur den Weltanschauungen des Liberalismus und des Christentums, sie stimmen auch mit den Zielen überein, für die das deutsche Judentum kämpft: gleiche Bewertung aller Bürger, unabhängig von Abstammung und Bekenntnis, Anerkennung des Rechtes der gleichen Chance für alle, Aeberwindung der Vorurteile durch das bessere Kennen des Volksgenossen. Innere Freiheit, Respekt vor der Würde jeder Persönlichkeit, Verantwortlichkeit gegenüber dem eigenen Gewissen und der Volksgemeinschaft sind die Eigenschaften, zu denen der republikanische Mensch erzogen werden soll. Wie diese Erziehungsarbeit auf der h ö h e r e n S ch u l e zu leisten ist, untersucht vr. D e i 1 e r s. Er erörtert die besonderen Schwierigkeiten, die aus der gesellschaftlichen Lerkunft ihrer Schüler und die aus der Leraushebung ihrer Lehrer aus der übrigen Lehrerschaft durch den alten Staat ensstanden sind. Demgegenüber muß die diesen einseitig überbewertendeGeschichts darstellung abgebaut werden. Die Jugend ist zum Geist derV olksgemein schüft und der Lum anität zu erziehen. Sie soll an alle geistigen und materiellen Kulturerscheinungen der Gegenwart herangeführt werden, aber sie soll auch im Bewußtsein erzogen werden, daß der Besuch der höheren Schule noch kein Anrecht auf Führerschaft bedeutet. Der Lehrer soll die innere Verwandtschaft zwischen moderner Pädagogik und dem Geist des Volksstaats, die Zusammenhänge zwischen seiner Berufsarbeit und der Staatspolitik erkennen. Nicht kastenmäßig soll er sich absondern, sondern überall da sein, wo Dienst am Volk geleistet wird. Rettor Wickel behandelt die republikanische Erziehung an der V o l k s s ch u l e. Soll die Republik nicht nur ein Tatbestand sein, sondern auch eine politische Idee, dann muß die Schule alle werdenden Bürger dahin erziehen, daß sie diese Idee als die ihre bekennen, in ihr den Inbegriff politischex Tugend sehen. Nicht Aeußerlich-