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KC-Blätter · 1929-03-01 · Heft 2 (März 1929) · p. Seite 29

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Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 2 (März 1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 29 (sequence 23)
Language
German
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29 □ Weder- und BlätterTcbau □ Das Judentum als lrouseeuatrues Element. Im Verlag von Duncker und Lumblot erschien von Rudolf Kaulla ein lesenswertes Buch „Der Liberalismus und die deutschen Juden". Es trägt mit Recht den Untertitel „Das Judentum als konservatives Element". Kaulla versucht den Nachweis, daß der.Jude — seine Geschichte sei der beste Beweis dafür — im Tiefsten seines Wesens konservativ sei. Eine kurzsichtige Politik der konservativen Parteien haben dem Teil der deutschen Juden, die auch heute noch konservativ empfinden, den Anschluß an das konservative Lager unmöglich gemacht. Es ist wertvoll, daß hier soweit ich es übersehe, zum ersten Male in einer umfangreicheren Arbeit der Nachweis versucht wird, daß die Juden ihrer Natur nach keineswegs eine einheitliche politische Schicht im Wesentlichen linksgerichteten Denkens bilden würden, wenn nicht antisemitische Tendenzen der Rechten die natürliche Entwicklung der Verteilung der Juden über die Parteien verhindert hätten. Allerdings übersieht der Verfasser, daß in der jüdischen Religionslehre und in der jüdischen kulturellen und sozialen Entwicklung neben konservativen, im Osten schroff reaktionären Tendenzen demokratische, soziale und humane Gedanken edelster Menschlichkeit herrschend sind. Für den Juden ist ähnlich wie für den Katholiken und für die nicht staatskirchlich gebundenen evangelischen Sekten der Staat nicht das Letzte und Höchste. Die Vaterlandsliebe der Katholiken ist so tief, wie die irgend welcher anderer guter Deutscher. 'Aber in einem edlen Sinne gibt es einen Altramontanismus, das lebendige Gefühl, daß über den Nationen noch eine höhere die Menschheit verbindende und verpflichtende Macht steht. Das Staatskirchentum hat doch gelegentlich, vielleicht nicht von den Führern gewollt, aber von einem Teil des Volkes so empfunden, den Staat als Allerhöchstes erscheinen lassen und dem gesunden Nationalgefühl eine Steigerung gegeben, die über dem die Menschheit national Trennenden das Einigende nicht stark genug betonte. In diesem Sinne hätte auch der konservativste Jude sich gegen den übersteigerten Nationalismus, den manche Nechtskreise zum Schaden der wahren nationalen Interessen pflegten, gewehrt. Es scheint mir auch der Verfasser das Wesen des Liberalismus nicht genügend klar durchdacht zu haben und nicht zu würdigen, daß die linksgerichteten Parteien — vom Sozialismus ganz abgesehen — mit dem Liberalismus nicht ohne weiteres gleichzustellen sind. Wenn er aber gleich in der Einleitung sagt: „Erfolg des Liberalismus bedeutet in jedem Fall Zersetzung der bekämpften Autorität", dann ist heute die Rechte liberal und die Linke konservativ. Es ist übrigens so, daß die Rechte heute destruktiv und die linke konservativ wirkt. Der Verfasser erkennt auch nicht genügend, daß der tiefste Gegensatz mindestens der bürgerlichen Linken zur Rechten in der Frage der Führerauslese besteht. Die Linke ist davon überzeugt, daß demokratische Führerauslese besser ist als aristokratische. Der Wille zu starker Staatsautorität ist in der Linken stark lebendig. Für irrig halte ich die Auffassung des Verfassers zum Problem der Taufe. Er meint, daß zumal die liberalen Juden kein Verständnis für einen Glaubenswechsel aus innerer Überzeugung hätten. Dafür haben sie Verständnis und einen Glaubenswechsel als Folge inneren religiösen Ringens wird jeder Achtung entgegenbringen. Mir sind solche Fälle aus meiner nächsten Umgebung bekannt. Aber den Glaubenswechsel ohne innere Lleberzeugung, aus Feigheit oder um der Karriere willen verachten wir allerdings, vielleicht gerade weil auch im liberalen Juden jene konservativen Kräfte lebendig sind. Religiöses Empfinden anderer ist uns heilig und wir können nicht anerkennen, daß ein anständiger Mensch ein Glaubensbekenntnis in den Dienst materieller Interessen stellen darf. Wir sind auch zu konservativ, um die Kette, die durch die Jahrhunderte führt, als gleichgültig zu bewachten. Schließlich wollen wir keine zerbrochenen Menschen, die sich ihrer Vergangenheit schämen. Wir haben allerdings, ob liberal ob konservativ, Sinn fiirTradition. Das deutsche Vaterland braucht ganze Kerle und keine Drückeberger. Gefreut hat mich die vom Verfasser ausgesprochene Meinung, die sich auch mir im Osten aufgedrängt hat, daß rassenmäßig die Ostjuden von den Juden im deutschen Westen- und Süden verschieden sind. Das soll ohne jedes Werturteil ausgesprochen sein. Werturteile in Raffefragen sind immer dumm. Wertvoll ist die Anregung, die das Buch bringt, familiengeschichtlich und statistisch festzustellen, wie viele jüdische Familien sich seit der Emanzipation als jüdische erhalten haben. Sicher ist, daß in dieser Zeit viele Llebertritte erfolgt sind. Für Süddeutschland möchte ich aber

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