Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1929-03-01 · Heft 2 (März 1929) · p. Seite 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 2 (März 1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 28 (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2268830-2268968-2268970--3457-2272567
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

und einem falsch verstandenen Führerideal nachsann, das, ohne Verbundenheit mit der Masse, nichts anderes bedeutete als kastenmäßiges Reservat. Wohl traf sein Wort auf williges Gehör bei jener Studentengeneration, die noch erfüllt war vom eigenen Fronterlebnis, und den Willen zur Kameradschaft sich im Schützengraben aus Blut und Eisen zurechtgeschmiedet hatte. Die nach ihr Kommenden, die das Kriegsgeschehen nur aus dem tönenden Wort posthumer Heldensänger kennengelernt hatten, sie öffneten zwar noch das Ohr seiner eindrucksstarken Rhetorik, aber die Herzen blieben verschlossen, die Hände blieben im Schoß. Schroffer denn je ragen heute die Gegensätze zwischen Student und Arbeiter, beiderseitiges Nichtverstehen lähmt die Arbeit der Wenigen, die Sonnenscheins Spuren folgen. Und es hat doch selten einer so rastlos je sich seinem Ziel gewidmet, wie Carl Sonnenschein. Sein Weg schien allzu weit für ein kurzes Menschendasein, das Oedland gar zu spröde, durch das der Sämann schritt. Zu welchem Ziele sollte die erstrebte Gemeinschaftsarbeit fördern? Zu jenem Zwecke, den er als zweite Grundaufgabe empfand: Zum Fortschritt. Du kannst nicht zweimal in den gleichen Fluß hinabsteigen, denn jenes Wasser, das du zum ersten Male betreten, ist längst vorbeigeflossen und ein anderes rinnt in seinem Bett, das schon dem nächsten seine Stelle räumt. So lehrte schon der weise Heraklit, in richtiger Erkenntnis, daß nichts Bestand hat außer dem Wechsel, daß der Mensch, den wir nach vielen Jahren gealtert wiedertreffen, diese Veränderung nicht mit einem plötzlichen Schlage vorgenommen hat, sondern daß der stete Weitergang mit jedem Atemzuge in ihm arbeitete. So weist das unverrückbare Naturgesetz selber uns auf die Gedankenbahn der ewig suchenden Entwicklung, des Fortschritts. Darum stand Carl Sonnenschein zum heutigen Staate, darum fand er Mut und Zuversicht, mit manchem zu brechen, was durch Tradition und Ueberlieferung einen falschen Heiligenschein erworben hatte. Entwicklung und Fortschritt — es ist das Hinsteuern auf den Horizont, der stets entrückt. Der Wandersmann, der dennoch unverzagt den Weg verfolgt, muß seine inneren Kräfte stählen durch die gleichbleibende Frische des Willens. Carl Sonnenschein fand diese Frische, denn er schöpfte sie aus seinem Glauben. Es ist nicht allein jener Glauben, an dessen Dogma ihn die äußere Pflicht des Priesters band. Ein anderer, tiefinnerlich erfüllter Glaube an das Menschentum, an seine Gottähnlichkeit und an seine schönsten Ziele bewegte ihn. Plato verlangt vom Menschen, daß er das Gute erkenne, dann werde er es auch wollen. Sonnenschein erkannte es, weil er an seine Macht geglaubt hat. So bildete sich der Wille, der sich zu Schicksal wandeln kann. In einer philosophischen Monographie (Klatt, Die schöpferische Pause) weist der Verfasser nach, daß alles Geschehen, auch das noch so unvermittelt erscheinende, in seinen tiefsten Gründen im Willen beschlossen liege. Vielleicht hat der Fußgänger, den seine Unachtsamkeit unter die Räder eines Gefährts geraten läßt, es irgendwie dem eigenen Willen aufs Konto zu schreiben. Nicht anders empfand Sonnenschein das Primat des Willens über das Fatum und wandte diese Empfindung ins Positive, weil er im Glauben an das Menschliche das Menschliche erkannte. So ergänzte sich die seelische Spannkraft, aus sich selbst heraus. 3e weiter das Ziel, je beschwingter der Lauf. Uns allen, die wir sein Werk lieben, ziemt es nicht zu verzweifeln, weil die Werkstatt nun verwaist ist. Auch er hat nicht verzweifelt. Ihn zu ersetzen vermag keiner, denn er war vom Stamme jener Eigenwüchsigen, die das Geheimnis ihrer Erfüllung nicht vererben. Doch es frage ein jeder sich selbst: Was hast Du getan, um Sonnenscheins Werk der Volksgemeinschaft, der Arbeit am Fortschritt des ganzen Volkes zu fördern? Auch Du bist aufgerufen; ein Blick auf Sonnenscheins Leben lehrt Dich die Mittel. Lassen wir zum Schluß noch einen großen Denker sprechen, Lord Byron, dessen „Mansted" ausrief: „Bequem ist die Ergebung in den Glauben, Schön, aber schwer, auf eigenen Füßen stehn!" Carl Sonnenschein hat aus dem Glauben die Kraft gezogen, auf eigenen Füßen stehend, dem Gemeinschastswohl zu dienen. Wer' tut's ihm gleich?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.