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KC-Blätter · 1929-03-01 · Heft 2 (März 1929) · p. Seite 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 2 (März 1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 27 (sequence 21)
Language
German
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27 Carl Sonnenschein. Von Referendar Rudolf L. Leimansohn (Eprev.) In Walter Bloems wohlmeinendem Studentenroman „Brüderlichkeit" tritt am Ende der Handlung eine Person ins Geschehen, die mit Verständnis und Güte sich um die Entwirrung tragisch geschürzter Knoten bemüht, aus freiem Antrieb, nur gedrängt von der als Berus empfundenen Pflicht, helfend die Schicksale junger Menschen zu betreuen. Es ist ein Priester, der sich im besonderen als „Studenten-Seelsorger" bezeichnet. Eine recht sympathische Erscheinung; doch wer das Buch las, wird im Ernst wohl nie geglaubt haben, daß diese Romanfigur jemals blutvolles Leben gewinnen könnte. Zu unwahrscheinlich mutete solch hingebungsvoller Eifer, solch selbstloses Indienststellen der eigenen Persönlichkeit für fremdes Wohlergehen an — es schien nichts als eine Romangestalt, die nach der Schwarz-Weiß-Methode mit blendend Hellen Farben herausgestrichen ist. Und doch hat es einen Mann gegeben, der war ganz das, wie Bloem es zeichnet, und war noch mehr. Er lebte unter uns, mitten in unserm Sein und für unser Sein. Carl Sonnenschein, der seinem reichen Leben entrissen wurde, bevor es ihm vergönnt war, die Frucht seines Schaffens in ihrer Vollendung zu schauen, war. ein solcher Priester, dem der Priesterberuf eine Berufung und kein Amt gewesen ist. Wir betrauern es, daß wieder einmal der unbarmherzige Mahner seinen Tribut gefordert hat lange vor der Zeit, und wir wissen zugleich, daß dieses Leben, das so früh verlosch, niemals zu Ende gelebt werden konnte. Denn gerade so wie ein unnütz Leben in Wahrheit einen frühen Tod bedeutet, so ist ein Leben nie vollendet, das — klingt es gleich paradox — stets nach Vollendung strebte. Vollendung hieße Stillstand; das Ringen um Vollendung heißt Leben. Daß Carl Sonnenschein ein solcher Kämpfer, ein Vollendung Suchender, ein wahrhaft Lebendiger gewesen ist, erweist sich aus jeder Phase seines stets im Gang befindlichen Tätigseins, aus der Art und Weise, wie er sein Tätigsein ins System gefügt, und vor allem aus den Zwecken, denen er seine Schaffenskraft geweiht hat. Die Grundaufgabe des Lebens scheint erfaßbar von drei wesentlichen Angelpunkten aus: Gemeinschaftswille, Fortschritt, Glaube. Der Sinn des Lebens kulminiert durch diese Grundprobleme, seine Erfüllung gelingt dem Individuellen, der in sich selbst gefestigt ist. Aus dieser Erkenntnis zimmerte Carl Sonnenschein sein Leben. Er wollte die große Volksgemeinde schaffen, die ihre Glieder in allen Lagern der Bevölkerung regen sollte. Die Gemeinde der Arbeit und der Kameradschaft, die ihre sittlichen Kräfte aus dem Bewußtsein nährt, daß allen Erdenwanderern das gleiche Ziel bereitet ist. Er kannte nur eine Verschiedenheit, die Verschiedenheit der Kräfte. Darum gedachte er derer, die still und unmächtig am Wege lagen. Zu ihnen trat er und wurde ihr Helfer, Tröster und Berater. Die Zahl derer, in deren Hütte er den Freudenschimmer der Hoffnung trug, ist Legion. Er kannte kein Ausruhen und kein Feiern, wenn es zu Helsen galt, und so werden wohl buchstäblich die Stunden seiner Muße gering gewesen sein, gibt es doch am Rande . unseres Lebens so unendlich vieles, bitteres Elend, dessen Ausmaße nur wenigen außer ihm bekannt geworden sind. Keine Erscheinungsform menschlicher Notlage, mochte sie zuweilen auch noch so absonderlich und abseitig sich geben, blieb ihm ftemd. Er verstand sie alle; er hörte aus jedem Schrei, der zu ihm drang, die Stimme der Menschheitsseele rufen. Ob es nun galt, einer Studentin Unterkunft für sich und ihr uneheliches Kind zu schaffen, einer Gelähmten einen Radioapparat zu vermitteln, einem verheirateten Studenten Arbeit nachzuweisen, einer Verkäuferin, die ihre Haare hatte abschneiden lassen, wieder zu einem Zopf zu verhelfen, einem Ortsfiemden eine Weihnachtseinladung zu besorgen — er war um alles bemüht, er nahm es alles mit gleicher Wichtigkeit, er wog nichts mit den Maßen des äußeren Geltungswerts, er verstand aus allem die seelische Tiefe zu spüren. Er gedachte auch derer, die dank der Verschiedenheit der Kräfte die Stärkeren waren. Er gemahnte sie an ihre Pflicht, im Nächsten den Bruder zu sehen und den Menschen zu achten. Er rüttelte sie aus Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit. Vor allem gemahnte er sie an ihre Pflicht, die größeren Kräfte mit größerer Behendigkeit zu nützen. Die Volksgemeinde, die uns alle einen sollte, bedurfte nicht zuletzt der tatkräftigen Werkfieude derer, die über die Macht des Wissens und des Geistes geboten. So waren es die Akademiker, die sein besonderes Augenmerk hatten. Sie, deren wirtschaftliche Nöte oft die Grenzen des tiefsten Elends streifen, sie bilden auch die Schicht, aus der die eifrigsten Pioniere am Werk der Volksgemeinschaft erwachsen sollten. Es mag ihn oft mit banger Traurigkeit erfüllt haben, daß gerade die Studentenschaft es war, die in unbelehrbarem Groll sich gegen jeden Dienst am heutigen Staat sperrte»

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