KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 2 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 26 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Judenhaß im Altertum. Von Dr. Kurt Eckstein (RH.'Sil.), Oberhausen (Rhld.) Me war wohl das Theater so sehr „Spiegel und Chronik des Zeitalters" als in den Tagen des römischen Weltreiches, da die Kunst des Mimus leidenschaftlichen Widerhall beim Volke fand und allenthalben das dröhnende „mimische Lachen" entfesselte. Hermann Reich hat in seinem Werke „Der Mimus" die spärlichen direkten und die um so zahlreicheren indirekten Zeugnisse für diese Kunst gesammelt und gibt dadurch einen ausgezeichneten Ueberblick sowohl über seinen Gegenstand als auch über die Bewußtseinslage jener Zeit. Die Mimen, die alle Stände, Typen und Völkerschaften aus die Bühne brachten, bemächtigten sich auch des Juden als Gegenstand der Darstellung, und wir hören Stimmen aus jener Zeit, die sich darüber beklagen, daß das Sticheln auf die Juden oder das Auftreten eines Juden auf der Bühne einen sicheren Heiterkeitserfolg bedeutete, mochte auch der Aufwand an Witz und Kunst denkbar gering sein. Die Art und Weise, wie man die Juden im Mimus zu verhöhnen Pflegte, beleuchtet die Schilderung Philos von einer Audienz, die der Kaiser Caligula einer jüdischen Gesandtschaft gewährte. Die Gesandschaft, deren Mitglied Philo war, hatte sich zum Kaiser begeben, um ihn zu bewegen, seine Standbilder aus den Synagogen und aus dem Tempel zu Jerusalem zu entfernen. Der halb wahnsinnige Kaiser empfing sie in einer Art, die an die Gerichtsszenen im Mimus gemahnte. Der Kaiser selbst trat als Gerichtsherr auf und verhöhnte und schmähte im Verein mit den Anklägern und Feinden der Juden die Gesandten. Als der Kaiser fragte, weshalb die Juden kein Schweinefleisch äßen, erhob sich schallendes Gelächter. Caligula entließ die Gesandtschaft ungekränkt, obwohl er ihrem Wunsche nicht willfahrte. Auch bei den Judenverfolgungen in Alexandria kam es zu Szenen, wie sie im Mimus üblich waren. Um Agrippa, den Enkel des Herodes zu verhöhnen, putzte das Volk einen stadtbekannten Narren mit einer Lumpendecke als Königsmantel und einem Papyrusstengel als Zepter aus, und eine Schar von Jünglingen mußte ihm huldigen. Aus diesen Vorgängen ist zu ersehen, wie fremdartig. die Völker des Altertums die Juden empfanden. Diesen Menschen waren die Sinne das offene Tor, durch das Glanz und Lust der Welt einzogen. Die irdische Welt allein war Gegenstand und Richtmaß allen Handelns. In überschäumender Lebensfreude gab man sich dem Dasein hin. Inmitten dieser Welt genießerischer Heiterkeit waren die Juden die einzigen, deren bloßes Dasein eine entschiedene Verneinung aller geltenden Werte bedeutete. Ihr Wesen war ernst und zurückhaltend, ja es mußte damals düster, verschlossen und griesgrämig erscheinen. Die Gaben der Natur, die doch einfach und ohne Hinterhalt sich darboten, nahmen sie mit Geringschätzung und Mißtrauen hin. „Ihr sollt nicht euren Augen Nachfolgen und nicht eurem Herzen l" befiehlt das Gesetz des Moses, und diese Forderung mußte notwendig eine auffallende, innere und äußere Verschiedenheit von den Menschen erzeugen, deren Leben aus einem anderen Grunde ruhte. In jener Zeit starker Spannungen, da man sich nicht mehr sicher im Besitz der alten Lebensformen fühlte, mußte es zu Aeußerungen des Anwillens oder des Spottes kommen, denen später auch die Christen nicht entgingen. Das Christentum hatte eigentlich weit weniger Grund zu einer feindlichen Einstellung gegen das Judentum, da es ihm in den Voraussetzungen sehr nahe ist, obwohl es sich in der Lösung des Grundproblems spezifisch vom Judentum unterscheidet. Wir sehen denn auch im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung nur wenige Zeichen des Judenhasses. Der Mimus, dessen lückenlose Tradition ins Mittelalter hinein reicht, in seinem oben erwähnten Werk überzeugend nachgewiesen hat, mag, wie er andere Elemente aus dem Judentum überlieferte, auch die Karikatur des Juden mit aus jener Zeit herübergebracht haben. Aber erst, als die religiösen Spannungen im Mittelalter ihren Höhepunkt erreicht hatten, wurden die alten Motive wieder. ausgenommen. Die Gegensätze, die das religiöse Weltbild enthielt, hatten nach jeder Richtung hin ihren äußersten Grad erstiegen. Dicht nebeneinander finden sich reine, seelische Liebe zur Madonna und die grausamsten Hexen- und Ketzerverfolgungen. Die Ruhelosigkeit des Zeitalters drängte nach einem Ausweg. Die Sehnsucht nach Erlösung aus den Fängen der Höllenmächte trieb zu abenteuerlichen Unternehmungen, deren typisches Beispiel die Kreuzzüge sind. In dieser Zeit der Hochspannung richtete sich die Aufmerksamkeit wieder auf die Juden, die an der Erregung der Zeit nicht teilnehmen konnten. Mit der Erregtheit der Gemüter war die Unerbittlichkeit gegen den Andersdenkenden um vieles gestiegen und zeigte nun die ernste Seite, die uns aus der Geschichte bekannt ist. Und wir sehen, wie auch in späterer Zeit das Aufflammen des Judenhasses stets an das Auftreten eines besonders starken Spannungszustandes — sei er politischer oder ökonomischer Natur — gebunden ist. In all dem Aus und Ab der Zeiten ist der Jude immer eine auffallende Erscheinung durch die Beständigkeit, mit der er in seinem Glauben wurzelt.