KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 2 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 25 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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tue nichts ohne Grund. Er handle stets zweckbestimmt, und vermöge seines starken Willens erreiche er stets sein Ziel. Dagegen heiße deutsch handeln, eine Sache um ihrer selbst willen tun. Zur Widerlegung genügen nicht Zahlen und Statistiken. Man muß wissen, daß es einen theoretisch-philosophischen und einen praktischen Materialismus gibt. . Der philosophische Materialismus ist uralt, rein arisch; geht er doch auf die griechischen Naturphilosophen Tales, Anaximander usw. zurück, beherrscht die Schule Epikurs, der Stoiker und erlebt seine Erneuerung in England durch Thomas Hobbes, in Frankreich durch Diderot und macht sich in Deutschland mit Beginn des 19. Jahrhunderts breit, wohingegen jeder, der die jüdische Religion oberflächlich kennt, wissen dürfte, daß diese auf einer rein idealistischen Grundlage basiert. Der praktische Materialismus ist eine Dekadenzerscheinung, und, wie die Geschichte lehrt, eine Folge jedes wirtschaftlichen Aufstiegs, Zeichen einer satten Kultur. Es dürfte genügen, hierfür die Zeit vor dem Untergange des jüdischen Reiches, die römische Kaiserzeit, das Frankreich vor der großen Revolution und die Jetztzeit anzuführen. Daß die Juden infolge ihrer fast 1000jährigen einseitigen Beschäftigung mit dem Gelde ganz besonders gefährdet sind, liegt auf der Hand. Im einzelnen richtet sich der Kampf der Kulturantisemiten gegen die Verjudung der deutschen Literatur. Der Hauptschreier ist Dr. Adolf Bartels und seine „^Literaturgeschichte^ Geschichte der deutschen Literatur", ein Meisterwerk antisemiticher Hetze und Judenriecherei. Bartels lehnt unter anderem die jüdische Kritik ab, weil nach seiner Ansicht kein Jude deutsch empfinden könne. Sein Kampf richtet sich besonders gegen den jüdischen Dichter Heine. Wie es wirklich mit der Verjudung der deutschen Literatur bestellt ist, lehrt ein Blick in die Literaturgeschichte, in der allein auf dem Gebiet der Übersetzung und Kritik die Juden ein größeres Kontingent stellen. Schließlich haben wir uns noch mit dem Schlagwort „Judenpresse" zu beschäftigen. Auch hier verfolgt man das alte Prinzip. Was nicht völkisch ist, ist jüdisch. Die Linkspresse, die ans Ueberzengnng nicht rechts stehen kann, ist mithin eine Judenpresse. Aber mit dem Verlag von Masse und Ullstein, dazu noch dem der Frankfurter Zeitung ist wohl die „Judenpresse" aufgezählt, und es dürfte schwer sein, in anderen Städten, insbesondere auf dem flachen Lande einen Verlag zu finden, der in jüdischen Händen ist. Demgegenüber steht die große Anzahl antisemitischer Blätter und Schriften. Alle Vorwürfe, die man dem Inden macht, mögen sie auf religiösem oder wirtschaftlichem Haß, auf rassenpolitischer oder kultureller Basis ruhen, sie alle führen immer wieder zu dem alten Ausgangspunkte zurück: Der Jude ist innerhalb des deutschen Volkes ein Fremdkörper, der zersetzend wirkt, und den man deshalb nicht dulden darf. Dieser Kulturantisemitismus ist an sich nicht zu widerlegen. Zwei verschiedene Anschauungen prallen aufeinander und man streitet sich um Begriffe. Es gibt nur ein Mittel, um zu einer Einigung zu gelangen. Wir müssen das Uebel an der Wurzel packen, an den gesunden Menschenverstand appellieren und mit Prof. Nölting sagen: „Zugrunde liegt allem Kulturantisemitismus ein ganz bestimmter Begriff von Kultur und Nation. Danach ist die Nation ein Organismus wie die Pflanze, eine Einheit mit streng geschlossenem Lebenslauf. Alles Fremdblütige scheidet sie aus oder geht daran zugrunde. Diese Anschauung ist grundsätzlich abzulehnen. Wie die Geschichte lehrt, ist eine nationale Kultur äußeren Einflüssen unterworfen. Sie ist ein Niederschlag von Jahrhunderten gemeinsamer Seelenerlebnisse und historisch-politischer Schicksale. Ein Volk ist kein Organismus, sondern eine Organisation, keine starre Größe, sondern ein fließendes Gebilde. Kräfte des Aufbaues und der Zerstörung wirken gleichzeitig. Auf gemeinsame geistige Interessen kommt es an, und Voraussetzung zur Zugehörigkeit zu einem Volke wird das Teilhaben an seinen Geistgehalten." Wenn man auf diesem Wege weiterschreitet, wird auch kein Jude mehr zurückgestoßen werden, dann wird auch das, was die Juden zur deutschen Kultur beigetragen haben, als wahre Kulturtat gewertet werden. Der Begriff von einem fiemden jüdischen Volkstum wird immer mehr verblassen und damit auch der Weg zur Verständigung frei sein. Nach juristischen Begriffen sind wir Juden in Deutschland bereits eingebürgert. Nunmehr wird auch die kulturelle Einbürgerung Ereignis werden, und wenn uns von andersgläubiger Seite dann noch entgegengehalten wird, daß wir die deutsche Kultur doch nicht einfach über Nacht erwerben könnten, so halten wir dem unsere fast 2000jährige Verbundenheit mit dem deutschen Vaterlande entgegen, und man wird einsehen, daß wir deutschen Juden einen auch durch Geschichte, Kultur und Rechtsgemeinschaft mit dem deutschen Vaterlaude unlöslich verbundenen Volksteil bilden.