Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1929-03-01 · Heft 2 (März 1929) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 2 (März 1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 15 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2268830-2268968-2268970--3444-2272554
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

15 furchtbaren Kämpfe, die sie zu bestehen hatten, um die Freiheit zu erringen, die du jetzt genießt. Wenn du dich unabhängig fühlst, wenn du nach Herzenslust überallhin gehen, in der Presse deine Gedanken aussprechen, eine Meinung haben und sie öffentlich äußern kannst, so haben deine Väter dafür ihren Geist und ihr Blut hingegeben. Du bist nicht mehr im Zeichen der Gewaltherrschaft geboren; du weißt nicht, was es heißt, jeden Morgen von einem Fußtritt des Herrn gegen die Brust erweckt zu werden; du hast dich nicht dafür schlagen müssen, dem Säbel des Diktators, den falschen Gewichten des schlechten Richters zu entgehen. Danke deinen Vätern und juble nicht verbrecherisch der Lüge zu, kämpfe nicht auf Seiten der rohen Gewalt, der unduldsamen Fanatiker und der unersättlich Ehrgeizigen. Die Diktatur wird euch allesamt verschlingen. Jugend, Jugend, sei immer mit dem Recht. Wenn du dir dein Bild vom Recht verdunkeln ließest, würdest du damit alle erdenklichen Gefahren laufen. — Ich meine dabei übrigens nicht das Recht unserer Gesetzbücher, das nur die gesellschaftlichen Bindungen gewährleistet. Allerdings muß man es beachten; aber es gibt doch noch einen höheren Begriff vom Recht, eines, das angesichts der Fehlbarkeit alles menschlichen Urteils auch die Möglichkeit der Unschuld eines bereits Verurteilten nochmals in Betracht zu ziehen vermag, ohne daß die Richter sich dadurch in ihrer Ehre gekränkt fühlen mußten. — Ist das nicht eine Sache, für die du dich in streitbarem Rechtsempfinden einsetzen solltest? Wer denn soll die Forderung erheben, daß Recht gesprochen werde, wenn nicht du, die du dich von jeder unsauberen Sache ferngehalten hast und darum laut, ehrlich und aus innerster Ueberzeugung sprechen kannst? Jugend, Jugend! sei menschlich, sei edel. Selbst wenn wir uns täuschen, halte zu uns auf unser Wort, daß ein Unschuldiger entsetzliche Pein leidet und unser erregtes Herz vor Angst schier zerspringt. Möchtet ihr angesichts einer derart unmäßigen Strafe doch nur einen Augenblick auch die Möglichkeit eines Irrtums in Erwägung ziehen. — Die Brust krampst sich zusammen, Tränen brechen hervor. Die Galeerenauffeher freilich bleiben unbewegt. Aber du, die du noch weinen kannst, die du für alles Elend in Mitgefühl offen sein solltest! Warum handelst du nicht wie der Ritter im Traum, wenn irgendwo einer, der unschuldig leidet, dem Haß unterliegt, und nimmst dich seiner an und befreist ihn? Wer, wenn nicht du, soll denn den hohen Einsatz wagen und in einer gefährlichen, aber großartigen Sache auftreten, wer einem Volke die Stirn bieten im Namen des idealen Rechts? Du schämst dich wohl nicht einmal mehr, daß es wieder Aeltere, ja Alte sein sollen, die ihr Leben in die Schanze schlagen, die heute für dich nach den Sternen greifen müssen? Nun? Wohin eilst du, junges Volk, wohin des Wegs, ihr Studenten? Ihr tragt euer Manifest durch die Straßen und schleudert mitten in unseren Zwist das tapfere, hoffnungsvolle Bekenntnis eurer zwanzig Jahre? Ja! Wir schreiten der Menschlichkeit, der Wahrheit, dem Rechte zu! Der Weg der Deutschen Studentenschaft. Zur gegenwärtigen Lage der Hochschulpolitik. Von Walter Borchardt (Sprev.,Rhen.-Pal.) Geraume Zeit ist vergangen, seitdem an dieser Stelle zu den Fragen der Hochschulpolitik — wenn dieses seinem Gegenstände recht wenig gerecht werdende Wort gewählt werden soll — eingehende Stellung genommen wurde. Nachdem nunmehr der 12. von der „Deutschen Studentenschaft" in Hannover veranstaltete Studententag vorübergegangen ist, ist es an der Zeit, die Entwicklung der hochschulpolitischen Lage und die Ereignisse der letzten Zeit in umfassender Schau an sich vorüberziehen zu lassen und zu würdigen — nicht so sehr aus historischen Gründen (denn manches oder vieles von dem zu Sagenden wird vielleicht dem Einzelnen schon bekannt sein), sondern um aus den Ereignissen die Bilanz zu ziehen, sich wieder einmal klar zu werden über die Ziele, die wir zu verfolgen haben, und die Wege, die wir dazu einschlagen müssen. Nehmen wir uns ein Wort zum Wahlspruch, das auch von der anderen Seite in letzter Zeit wiederholt gefallen ist: „Sich innerlich über die eigene Lage Rechenschaft zu geben, hat noch niemandem geschadet."!. Rückblick. Es ist auszugehen von einem Rückblick auf die Ereignisse, die zur Gestaltung der gegenwärtigen Lage geführt haben. Ende 1927 lehnten die preußischen Studentenschaften die vom Kultusminister Dr. Becker erlassene Verordnung vom September 1927 ab und leisteten damit aus ihre staatliche Anerkennung Verzicht. Sie lehnten damit eine Regelung ab, die die österreichischen Staatsbürger als Ausländsdeutsche behandeln wollte, wenn sie sich nicht zu einem fremden Volkstum bekannten, und mit dieser Einschränkung des Staatsbürgerprinzips zugunsten des Volks-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.