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KC-Blätter · 1929-03-01 · Heft 2 (März 1929) · p. Seite 14

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Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 2 (März 1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 14 (sequence 8)
Language
German
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14 wieder vernichtet: Menschen mit Gewissen sind ergriffen, fühlen sich bedrückt, verbeißen sich immer hartnäckiger darin, setzen Vermögen und Leben aufs Spiel, bis da wieder Recht geschaffen ist. — Eine andere Erklärung für die heutigen Geschehnisse gibt es nicht; was darüber hinaus noch bleibt, sind abscheuliche politische und religiöse Fieberschauer, reißende Hochwässer von Verleumdungen und Beleidigungen. Immerhin hat auch die Jugend eine Entschuldigung für sich ins Feld zu führen, wenn sie einen Augenblick lang in ihren Vorstellungen vor: Menschlichkeit und Gerechtigkeit irre geworden ist. — Am 4. Dezember hat nämlich eine französische Kammer sich nicht geschämt, für eine Tagesordnung zu stimmen, „die die Rädelsführer jenes schimpflichen Feldzuges brandmarkt, der die Öffentlichkeit verwirrt". — Laut und deutlich spreche ich es darum aus, um der Zukunft willen, die mich lesen möchte, daß ein solches Urteil unseres edlen Landes unwürdig ist, wie ein Makel unauslöschlich an ihm kleben bleiben wird. — „Rädelsführer" heißen also die ehrlichen und mutigen Männer, die das nach ihrer Ueberzeugung gefällte Fehlurteil auch als solches kennzeichneten und damit dem patriotischen Glauben entsprachen, daß eine große Nation, die einen Unschuldigen Folterqualen lewen läßt, verwerflich handle. — „Ein schimpflicher Feldzug" also wäre der Schrei nach Wahrheit und Gerechtigkeit, den diese Männer ausstoßen, felsenfest entschlossen, Frankreich in den Augen der Völker, die es betrachten, als das Land der Menschlichkeit, als das Frankreich zu erhalten, das die Freiheit auf Erden eingesetzt hat und das auch dem Recht zum Siege verhelfen wird. — Die Kammer hat mithin eigentlich verbrecherisch gehandelt, da doch offenbar sie den verderblichen Einfluß auf die Massen bis hinab zur Jugend unserer Hochschulen ausgeübt hat, zweimal verbrecherisch, da bisher noch nie eine Jugend, getäuscht, verführt, durch unsere Strafen gehetzt wie diese alles verraten hat, was die menschliche Seele an Stolz, Tapferkeit und Göttlichem bringt. Wohl weiß ich, daß die paar manifestierenden jungen Leute nicht die ganze Jugend sind und daß hundert Radaubrüder auf der Straße mehr Geräusch machen, als Zehntausend, die im stillen Kämmerlein fleißig arbeiten. -Aber sind nicht schon die hundert Krachmacher zuviel? Betrübliches Zeichen, daß eine derartige noch so winzige Bewegung überhaupt im Quartier Latin hat entstehen können! Es gibt also noch so etwas wie antisemitische Jugend? Dieses Gift für den Verstand hat somit bereits unberührte Denkorgane, frische Seelen aus dem Sattel geworfen? Eine traurige Aussicht, Quelle dauernder Bedrohung für das zwanzigste Jahrhundert, das dicht bevorsteht! Hundert Jahre nach der Erklärung der Menschenrechte, hundert Jahre nach dem erhabenen Gesetzesakt religiöser Toleranz und bürgerlicher Befreiung will man die Religionskriege von früher wieder heraufbeschwören, das schimpflichste und dümmste, was menschliche Leidenschaft je ersonnen hat! — Verständlich bis zu einem gewissen Grade wäre das vielleicht bei Leuten, die eine Rolle zu spielen haben, die ihre einmal eingenommene Stellung glauben nicht mehr verlassen zu können, oder die einen rasenden Ehrgeiz auf diese Weise befriedigen wollen. Aber bei jungen Leuten, mit denen sich alle Rechte und Freiheiten entwickeln sollten, von denen in unserem Traume das kommende Jahrhundert bereits hell erglänzte! Sie sind die erwarteten Werkmeister und — bekennen sich schon zum Antisemitismus, das heißt, sie möchten das Jahrhundert mit der Niedermetzelung aller Juden beginnen, weil das Mitbürger von anderer Rasse und anderem Glauben sind! Eine schöne Erbfolge für das Gemeinwesen, das wir erträumten, den Staat in Gleichheit und Brüderlichkeit! Wenn das wirklich die Jugend wäre, könnte man heulen und am Glück der Menschheit hoffnungslos verzweifeln. Oh, du Jugend, Jugend! ich flehe dich an, denk an die große Leistung, die dir Vorbehalten ist. Dein ist das Werk der Zukunft, Schicht für Schicht sollst du das Gebäude des kommenden Jahrhunderts ausrichten, in dem sich, wie wir zutiefst hoffen, die Probleme der Wahrheit und Billigkeit lösen werden, die das zu Ende gehende Jahrhundert aufgegeben hat. Wir, die Alten, die Aelteren, hinterlassen dir unsere ganze Vorarbeit, viele Widersprüche und Dunkelheiten vielleicht, aber gewiß das leidenschaftlichste Streben, das je ein Jahrhundert hin zum Licht geführt hat, die ehrlichsten und gediegensten Stücke, die selber die Grundsteine zu dem großen Gebäude der Erkenntnis abgeben mögen, das du weiterbauen sollst, — zu deiner Ehre und zu deinem Glück. Und wir bitten dich nur, noch selbstloser zu sein in der Hingabe, noch freier im Geiste, noch reiner in deiner 'Liebe zu ehrlicher, anständiger Lebensführung, in immer strebendem Dich-Bemühen um Menschen und Dinge, das endlich überreiche Frucht an Lebensfreude in einer von Sonne durchfluteten Welt erbringen muß. Dazu wollen wir dir brüderlich den Platz freimachen, glücklich, abtreten. zu dürfen und von unserem Beginnen in sanftem Todesschlummer auszuruhen; denn du wirst gewiß unser Werk fortsetzen, bis unsere Träume ganz Wirklichkeit geworden sind. Jugend, Jugend! erinnere dich der Leiden, die deine Väter durchgemacht haben, denk an die

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