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KC-Blätter · 1929-03-01 · Heft 2 (März 1929) · p. Seite 13

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Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 2 (März 1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 13 (sequence 7)
Language
German
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18 meint hat, er könne ohne Harm für eine edle Sache eintreten, auf daß es Licht werde und der französische Name nicht weiter mit dem Makel jenes Fehlurteils behaftet bleibe! Oh! in meiner Jugend sah ich noch ein Quartier Latin im Aufruhr jugendlicher Leidenschaften, spürte lebhaft die Liebe zur Freiheit und den Haß gegen brutale Gewalt, die die Hirne zerquetscht und die Seelen unterdrückt. Ich sah es unter dem Kaiserreich in tapferer Opposition, zwar ungerecht manchmal, aber immer in überströmendem Verlangen nach Freiheit des Menschengeschlechts. Das pfiff in den Tuillerien die gefälligen Autoren aus; das spielte den Professoren übel mit, die im Unterricht anscheinend nicht den Mut zu entschiedener Stellungnahme aufbringen konnten; das war der geschworene Feind der Dünkelmänner und Gewaltmenschen. In ihm brannte das heilige Feuer des fröhlichen Ueberschwanges der Zwanziger, da alle Hoffnungen Wirklichkeiten sind und der morgige Tag wie der sichere Triumpf der vollkommenen Gesellschaft erscheint. Wie weit man auch in dieser Geschichte edler Leidenschaft zurückgeht, die die Jugend der Hochschulen aufgewühlt hat, immer sieht man sie, empört über geschehenes Unrecht und voll Mitgefühl sich einsetzen für die Bedrängten, die Verlassenen, die Verfolgten, wider die Grausamen und Mächtigen. Diese Jugend hat zugunsten der bedrückten Völker manifestiert, sie ist für Polen, für Griechenland gewesen, sie ist stets für die Leidenden eingetreten, stets dort zu Hilfe geeilt, wo Menschen sich unter der Roheit einer Masse oder eines Einzelnen kraftlos am Boden wanden. Wenn es hieß, das Quartier Latin fange Feuer, konnte man gefaßt sein auf einen Akt jugendlicher Justiz, die nicht allzu behutsam vorzugehen pflegt, aber aus Begeisterung eine Herzenssache macht. Und dann diese Ursprünglichkeit, dieser Strom, der sich, alles überflutend, durch die Straßen ergoß! Ich weiß wohl, daß man auch heute wieder die Heimat als bedroht, Frankreich, als durch eine Bande von Verrätern dem siegreichen Feinde ausgeliefert, hinstellt. — Nur, so muß'ich siagen, wo hofft man eigentlich die klare Erkenntnis der wirklichen Lage der Dinge,' bei wem das gefühlsmäßige Erfassen des Wahren und Rechten zu finden, wenn nicht hier in diesen unbefleckten Gemütern, bei diesen jungen Leuten, die in das öffentliche Leben hineinwachsen und eine dementsprechend ungetrübte, gerade und gute Urteilskraft einzusetzen haben sollten? Wenn durch Jahre der Jntriguen verdorbene Politiker oder durch berufliche Unsauberkeiten rückgratlos gewordene Journalisten imstande sind, die schamlosesten Lügen aufzugreifen und vor ganz durchsichtigen Verhältnissen die Augen zu verschließen, so ist das noch erklärlich und zu verstehen. Aber auch die Jugend muß doch wohl im Kerne schon zu sehr verdorben sein, wenn selbst sie trotz ihrer ursprünglichen Reinheit und Redlichkeit sich nicht mehr auf der Stelle inmitten unannehmbarer Jrrtümer zurechtzufinden und geradewegs auf das augenfällig und deutlich im vollen Tageslicht Stehende zuzusteuern vermag. Dabei ist der Sachverhalt so einfach wie nur möglich. Ein Offizier ist verurteilt worden, und niemandem fällt es ein, die guten Gründe der Richter anzuzweifeln. Sie glaubten nach bestem Wissen und Gewissen Recht gesprochen zu haben, auf Unterlagen fußend, die sie für schlagend hielten. Bis eines Tages erst einem, dann mehreren Männern Zweifel aufftiegen und sie sich endlich davon überzeugen, daß eines der Beweisstücke, das wichtigste, das einzige jedenfalls, auf das die Richter sich, soweit erkennbar, gestützt haben, dem Verurteilten fälschlich zur Last gelegt wird, vielmehr zweifellos von der Hand eines Anderen stammen muß. Und sie sprechen es aus, und dieser Andere wird, wie es Pflicht und Schuldigkeit geboten, von dem Bruder des Gefangenen angezeigt; und so beginnt zwangsläufig ein neuer Prozeß, der die Revision des ersten Prozesses bringen muß, wenn anders es überhaupt noch eine Rechtsprechung gibt. — Ist das nicht alles ganz klar und richtig und verständig? Ist darin irgendeine Machenschaft oder eine dunkle Verschwörung zur Rettung eines Verräters zu erblicken? Daß einer Verrat geübt hat, soll gar nicht geleugnet werden; nur soll der Schuldige und nicht ein Unschuldiger das Verbrechen büßen. Ihr werdet ihn allemal bekommen, euren Verräter; wir wollen euch aber den stellen, der es auch wirklich gewesen ist. Eigentlich sollte schon eine Spur gesunden Menschenverstandes dazu ausreichen! — Wie müssen also diejenigen handeln, die den Dreyfus- Prozeß wieder aufgerollt wissen wollen? — Da hat zunächst der dumme Antisemitismus aus dem Spiele zu bleiben, der in seiner gräßlichen Verbohrtheit hier eine Verschwörung der Juden wittert, jüdisches Gold, das den Juden in der schimpflichen Gefangenschaft gerne durch einen Christen ersetzen möchte. Die Darstellung ist denn doch zu platt, die Unwahrscheinlichkeiten und Unmöglichkeiten schlagen einander tot; alles Gold der Erde vermöchte nicht bestimmte Ueberzeugungen zu kaufen. — Man muß vielmehr dazu gelangen, die Wirklichkeit so zu betrachten, wie sie ist, als die natürliche, schrittweise, unaufhaltsame Entwirrung jedes Justizirrtums. So liegen die Dinge. Der Justizirrtum selbst erzeugt also die Macht, die ihn

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