KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 2 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 12 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Ein im Grunde kontemplativer, dabei überaus hellsichtiger, mit feinem sozialen Verständnis begabter, unabhängiger und wahrheitsliebender Schriftsteller, wurde er plötzlich Zeuge eines offenbaren Rechtsbruches und — mußte, aus innerem Drang handelnd, in den blinden Ablauf der Geschehnisse eingreifen. Ohne für sich etwas zu begehren, ohne der über ihn verhängten Geld- und Freiheitsstrafen, ohne seiner Ausschließung aus der Ehrenlegion zu achten, unbeirrt durch die Verleumdungen des Namens seines Vaters, mit denen man wieder nur ihn selber treffen wollte, wagte er, den beiden Kammern, der zivilen, der militärischen Gewalt, wagte der Presse, der ganzen öffentlichen Meinung zum Trotz, seine Ansicht zu äußern, unbeirrbar vorwärtsgetrieben von dem Bewußtsein der Würde menschlicher Verantwortung und Liebe. Das Erlebnis, das ihn im Augenblick aus seiner Kontemplation gerissen hatte, gab ihm auch die Worte ein, die die Stunde erforderte. — In diesen Aufsätzen, Broschüren und Pamphleten ist nichts von der doch mehr bedächtigen, minutiösen, analytischen Art seiner Romane, vielmehr stets nur die mit sparsamsten Strichen vermittelte, aber kristallklare Vorstellung des wahren Sachverhalts, begleitet jedoch von dem unermüdlich leidenschaftlichen, über alle Register des Gefühls wie des Verstandes, des Ernstes wie der Ironie souverän gebietenden Appell an Urteilskraft und Freiheitsstreben, an die Fähigkeit der menschlichen Seele zu lieben und zu hassen. Es ist eine Sprache ohne literarische Ambitionen,' sie will nicht Eindruck oder Erlebnis durch das Wort zur Höhe des in sich selbst ruhenden Kunstwerkes erheben. Das Wort, das zu einer namenlosen Masse gesprochene Wort soll vielmehr den Abgrund von Mensch zu Mensch überbrücken, ist selbst Handlung, Geist vom Geiste der französischen Revolutionäre von 1789, die schon einmal unter Wagnis der Freiheit und des Lebens die Abscheulichkeiten und Mißbräuche der alten Gewalten bloßgestellt und ein neues Reich verkündigt hatten. Nur, weil es das in der einmaligen Situation erwartete und erlösende Wort war, vermag ein Brief von Emile Zola auf den nachgeborenen Leser doch wieder wie ein Kunstwerk zu wirken, als die Selbstdarstellung des vernünftig Notwendigen, das den rohen und trägen Stoff des wirklich Gegebenen aus eigener Kraft bezwungen und gestaltet hat. Etwas von der Art der Propheten des Alten Bundes nahm in Emile Zola von neuem Gestalt an. — Auch im Geiste dieser Männer hatte immer das einzelne Erlebnis der Rechtsbeugung die Vorstellung vom Rechte überhaupt ausgelöst und sie, die Kontemplativen, unwiderstehlich getrieben, für das Gute, das Ewige, das Göttliche in der Welt zu zeugen. — Nicht anders steigerte sich Emile Zolas Appell, der ursprünglich der Rettung eines unschuldig Verurteilten gegolten hatte, schließlich bis zum visionären Postulat der Menschheitssendung des französischen Vaterlandes. Viele Geister, viele Herzen harrten noch der Wandlung, viele Völker der Befreiung von Gewaltherrschaft. Am Ende der Tage aber, nach der wirklichen Vollendung des Werkes von 1789, wird das freie Frankreich als Schirmherr des Rechts und der Gerechtigkeit hocherhaben über den Völkern thronen. „France, ... tu es quand meine l’avenir . . .!" Es folgt nunmehr der „Brief an die Jugend" in deutscher Uebersetzung nach dem Texte der Sammlung „La Verite en marche“, Paris 1923, p. 37 —p. 52, verkürzt um den Abschnitt p. 45— p. 47, der nur heute wenig mehr interessierende Einzelheiten bietet. Brief an die Jugend. Wohin eilst du, junges Volk? Wohin des Wegs, ihr Studenten? Gewiß lauft ihr in Scharen durch die Sttaßen, um eure Empörung oder eure Begeisterung darzutun, gewiß glaubt ihr, öffentlich für eure beleidigten Gewissen zeugen zu müssen. Wollt ihr gegen einen geschehenen Machtmißbrauch protestteren, beleidigte man das Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit in euren empfänglichen Seelen, die von politischen „Geschäften" und den Niederträchten des Alltags noch so ganz unberührt sind? Wollt ihr ein von der Gesellschaft begangenes Unrecht wiedergutmachen, wollt ihr den Einspruch eines jugendlichen Mitempfindens in die Wagschale werfen, die das Schicksal der Glücklichen wie das der Enterbten dieser Welt derart verfälscht? Wollt ihr um der Sache der Toleranz, der Unabhängigkeit des Menschengeschlechtes willen einen der sonderbaren Heiligen auspfeifen, die, selber von engem Verstand, den Bankerott der Erkenntnis verkünden und so euren freien Sinn in den alten Irrwahn zurücklocken möchten? Wollt ihr einem feigen, heuchlerischen Menschen laut eurem unbesieglichen Glauben an die Zukunft in die Ohren gellen, an dies bevorstehende Jahrhundert, das ihr aus der Wiege hebt und das uns im Zeichen der Gerechtigkeit und der Liebe den Frieden auf Erden bringen soll? Nein, nein! wir wollen gerade einen Mann verhöhnen, einen alten Mann, der nach einem langen, arbeitsreichen und redlichen Leben ge-