KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 1 (Februar 1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2268830-2268968-2268969--3433-2272542- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-J -c- " •' i Jahrhunderts in Heidelberg erleben konnte, nicht mehr möglich, als mir der Universitätsrektor sagte, die Badenia müsse die Couleur absetzen, nicht weil sie irgend etwas begangen hätte, was zu tadeln wäre, sondern weil die übrigen Korporationen an ihren Farben, an der Tatsache, daß die Badenen Couleurstudenten seien, Anstoß nehmen. Der Grundsatz, Menschen nach ihrem Werte zu beurteilen und Verbindungen nach der in ihnen wohnenden inneren Würde einzuschätzen, hat mehr und mehr Boden gewonnen. Nach dem Kriege wurde es ganz anders. Rassenwahn und Rassenfanatismus griffen gerade in der akademischen Jugend um sich. Seit Jahrzehnten war der Haß gegen jüdische Studenten nicht so groß gewesen, wie zur damaligen Zeit, und eine neue Ausgabe begann für den K. C. im alten Sinne. Denken wir doch an die Vorgänge, die aus Anlaß der Langemarkfeier sich vor wenigen Wochen in Freiburg abgespielt haben. Man wollte die Toten, die gefallenen Brüder, ehren, aber der Asta wollte die Teilnahme der Juden nicht. Dies ist der Inhalt einer langen Geschichte, auf eine kurze Formel gebracht. Beschämend gewiß nicht für die Juden, sondern beschämend für die, welche als Jünger des Geistes in einer unmöglichen Geistesverfassung leben. Was sollen wir dagegen tun? Wir sollen und wollen uns besinnen auf uns selbst und sollen vor allen Dingen auch aus diesen häßlichen und verunzierten Blüten den noch in ihnen enthaltenen Honig saugen. Die Zeit ruft uns zu: Seid stark, seid selbstbewußt, seid Euch stets darüber klar, daß Ihr in einer Gemeinschaft lebt. Die Gemeinschaft, in der wir uns befinden, ist mit all ihren Forderungen, mit all dem vorhandenen äußeren Zwange eine innere Wohltat, der wir uns freudig und gern hingeben. Und diese Gemeinschaft hat eine Jüdische und eine deutsche Wurzel. Unsere jüdische Wurzel lehrt uns, überall für das wahre Menschentum einzutreten. Gott schuf zuerst nur einen Menschen, damit alle Nachkommen sich als Brüder lieben sollen und keiner zum andern später sagen könne: Ich bin von vornehmerem Blut als du. (Talmud.) An drei Merkmalen soll man den wahren Juden erkennen: an der Barmherzigkeit, Schamhaftigkeit und Wohltätigkeit. (Talmud.) Unsere jüdische Wurzel lehrt uns ferner zu handeln, wie Psalm 27 schreibt: . Glaubensvoll harre ich begnadeter Schau, Göttlicher Güte im Lande des Lebens. Hoffe auf den Herrn. Das ist die jüdische Wurzel. Der Kampf für die Gerechtigkeit und für die Tatsache, daß man den Menschen nach seinem Wert, nach seiner sittlichen Eignung beurteilen solle, ist und bleibt für uns entscheidend. Wenn wir diesen Kampf führen als Juden, so wissen wir, daß wir ihn führen nach einem. Wort, das die alten jüdischen Weisen zu der Befreiung Israels aus Aegypten geprägt haben, da sie sagten: „Indem Israel aus der ägyptischen Knechtschaft erlöst worden war, wurden mit ihnen zugleich auch die Aegypter erlöst." Man merkt sofort, daß dieser Bemerkung ein tiefer Gedanke zugrunde liegt, und dieser Gedanke stellt sich als ein, umfassender Gesichtspunkt dar, der eine Perspektive in spätere Zeiten eröffnet. Indem wir durch alle unsere Tätigkeit aber genau so der deutschen Studentenschaft nützen, handeln wir nach dem Wort von Gabriel Riesser: „Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören. Wir werden ihm allerorten angehören. Es kann und darf und mag von uns alles fordern, was es von seinen. Bürgern zu fordern berechtigt ist. Willig werden wir ihm alles opfern 7nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht; denn Deutschlands Helden und Deutschlands Söhne haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird." And nun ftagt es sich, welche Veränderung bei uns die neue Zeit gebracht hat. Wir halten mit Energie an unserem Gemeinschaftsgedanken fest. Wir sehen in Ehre, Freiheit, Vaterland, die Grundlage unseres Seins. Wir bekämpfen die angeblichen Prärogativen der Couleurstudenten und sehen in dem Couleurstudententum eine Gemeinschaft der Freude, aber auch eine Gemeinschaft, die unbedingt verpflichtet, die man nicht nach dem Gesichtspunkt des Neides und des Hasses, sondern nach dem Gesichtspunkt der besonderen Ehrenhaftigkeit beurteilen soll. Auch für uns gilt der Gedanke der jüdischen Auserwähltheit auf der einen Seite; aber nicht der Gedanke der Auserwähltheit zu Rechten, sondern zu Pflichten. „Du sollst wegschaffen das Böse-aus Deiner Mitte." Ein Teil der übrigen Studentenschaft verkennt vollkommen heute noch, daß sie die großen Ideale eines Ernst Moritz Arndt, eines Fichte und eines Kant erfüllen soll. Nach innen erfüllt sie diese Ideale nicht, und man muß immer an das Gleichnis des mittelalterlichen jüdischen Philosophen Bachja denken: „Die Insassen einer Blindenanstalt werden von dem treuen ärztlichen Pfleger belehrt, sie