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KC-Blätter · 1927-01-01 · Heft 1 (Januar 1927) · p. Seite 6

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 1 (Januar 1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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6 Nationalistischer Zionismus. Von H. Mabit. Die Judenheit war im Laufe der Geschichte von allen Völkern am wenigsten nationalistisch. Der jüdische Volksgedanke war von vornherein mit dem Religiösen unlöslich verbunden, und die Menschlichkeit, der ewige Gegensatz zum Chauvinismus, bildete seine Grundlage. Er konnte daher nicht leicht entarten. Der Begriff Rasse, die Quelle aller Ueberhebung und Ungerechtigkeit, blieb der Judenheit fern. Sie wollte ein Volk von Bekennern und keine Blutsgemeinschast sein. Diesen Grundzug können wir in der Geschichte und Literatur des Judentums überall verfolgen. Und diese seelische Disposition trug nicht wenig dazu bei, daß die Juden, ohne ihr sittliches Lebenselement und ihre kulturelle Eigenart zu verleugnen, sich allen Ländern anpassen und unter allen Völkern existieren konnten. Die glühende Liebe zu Zion stand im Mittelpunkte des Empfindens, aber die Verwirklichung der Sehnsucht war mystisch-messianisch gedacht, und, wie bei Jesaja, verschmolz dieser Glaube mit dem Gedanken der großen Erlösung der ganzen Menschheit aus Rot und Finsternis, mit dem Siege göttlicher Gerechtigkeit. Daß dieser Befreiungsgedanke in der neueren Geschichte andere Formen annahm, ist wohl begreiflich. Was wir Forffchritt und Entwicklung nennen, ist ja nur ein ewiges Neugestalten alter Gedanken. Das Auftauchen der Idee des Palästinaaufbaues in den 80 er Jahren des vorigen Jahrhunderts, der Choveve-Zionismus, war zuerst sentimental, verschwommen und kristallisierte sich bald zu einer prakttschen Koloniengründung. Aber die führenden Geister dieser Bewegung, Pinsker, Pinnes, Mohilewer, Achad Haam und Rüls, waren keine Fanatiker und sie dachten an keinen Judenstaat. Noch weniger natürlich ihr großer Vorgänger Rabbi Zevi Kalischer. Erst später, infolge der blutigen Pogrome im Osten, wurde die Phantasie der schwärmerischen Jugend erhitzt und man baute einen Judenstaat ohne Hemmnis auf, well man ihn — in der Luft baute. Aber auch diese Leidenschaft kühlte sich bald ab, und als auf dem ersten Zionistenkongreß in Basel die jugendlichen Elemente den Judenstaat im Programm verewigt haben wollten, war Herzl klug genug, zu kämpfen und durchzusetzen, daß darin nur von einer „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte" gesprochen wird. Langsam rang man sich in den zionistischen Reihen zu der Erkenntnis durch, daß man die Sympathie der ■- Völker und die tatkräftige Hilfe aller Juden nur gewinnen kann, wenn man Palästina als jüdische Zufluchtsstätte ohne allzugroße polittsche Ambitionen fordert, und wenn man die prakttsche und nicht die diplomattsche Arbeit in den Vordergrund stellt. Nur so war es möglich, England für den Zionismus zu erobern und alle zielbewußten Juden zu Freunden der Kolonisation Palästinas zu machen. Heute aber, wo das Völkische in fast allen Ländern der Welt zur üblen Mode geworden ist, scheint auch innerhalb des Zionismus eine nationalistische Welle sich zu erheben. Die Atmosphäre wird künstlich gefüllt mit nattonalisttschen Schlagworten und fanatisierenden Phrasen, und von dieser Seite droht dem Aufbau Palästinas eine Gefahr, über die sich die maßgebenden Kreise, wie es scheint, noch gar nicht klar geworden sind. Der Fahnenträger dieses neuen „heiligen Krieges" ist Wladimir Jabotinsky, ein Mann von Geist und Temperament, dessen lautere Gesinnung nicht angezweifelt werden soll. Aber es liegt viel slavischer Fanatismus in seinem Wesen, und er, der als Reinkultur des jüdischen Nationalismus gewertet sein möchte, ahnt es kaum, daß sein Denken und Empfinden fremden Quellen entspringt. Seit zwei Jahren reist er in der Welt umher und predigt das Evangelium völkischer Weisheit. Was ihm als Ideal vorschwebt, das ist der rein nationale, ja nationalistische Judenstaat. Er hat sich ein Programm zurechtgelegt, das namentlich für die Jugend verführerisch ist. Dieses Programm hat nur zwei Fehler: Es ist ethisch unjüdisch, weil auf Unrecht ausgebaut, und politisch undurchführbar, weil alle Voraussetzungen psychologischer und praktischer Natur fehlen. Die Judenstaatsideologie bildet den Mittelpunkt seines Programms. Er begnügt sich nicht mit der nationalen Heimstätte, nein, ein selbständiger jüdischer Staat soll in Palästtna erstehen, in dem einzig und allein jüdischer Wille und jüdische Macht gebieten. Es ist also eine zionistische Offensive — gegen England, gegen den Völkerbund, ja, im Grunde gegen die ganze Welt und in erster Reihe natürlich gegen alle andersdenkenden Juden. Daß zu einer Offensive Menschen, Waffen, Geld und Kraft gehören, — über solche Kleinigkeiten setzt man sich hinweg. Und noch mehr als Jabotinsky selbst sind seine Schüler und Anhänger im völkischen Fahrwasser und sie machen sich auch die nationalistische Terminologie zu eigen. Der heuttgen Exekutive werden „Verrat und Einrollung der nationalen Fahne" vorgeworfen, und da man alle reale Politik verhöhnt, ist man in seinen Wünschen ganz ohne Hemmnis. Dem großen Ziele sollen

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