KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2268830-2268964-2268965--3263-2272410- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
dankenwelt ausgenommen und sie gar zum Gipfel seines Systems emporgehoben hat. Dennoch glauben wir, daß diese Betrachtungsweise ganz in der Richtung des über die Natur philosophierenden Geistes liegt. Spinoza teilt hier das Schicksal seiner Vorgänger besonders aus der Zeit der Renaissance. Das höchste Erkennen mündet in die Intuition, das innere Schauen, das Sich- Versenken in das unendlich All-Eine, verbunden mit der Begeisterung der seinen Gott-Natur gewissen, von ihr erfüllten Persönlichkeit, etwa zu vergleichen mit der Verzückung des nüchternen Alltagsmenschen angesichts der Erhabenheit und Schönheit der Natur, mit der er sich in dem Augenblick der Uebergewalt des Eindrucks innerlich eins fühlt. Ziehen wir den Schluß unserer Darlegungen und fragen wir: was ist ewig an Spinoza? Was wird bleiben, wenn man an den einzelnen Teilen seines Systems die unbarmherzigste Kritik übt? Wir glauben, daß es drei höchste formale Elemente sind, die auf den Inhalt den stärksten Einfluß üben, die nicht Peripherie, sondern selbst Mittelpunkt sind und von denen die Philosophie nie lassen kann, wenn sie sich nicht selbst aufgeben will. Einmal das Vertrauen auf die Macht der Vernunft, auf die Souveränität des Denkens, dann der Einheitsgedanke, der den ewigen Zusammenhang der Dinge fühlt und ihn durch das Erkennen zum klarsten Ausdruck bringt, und endlich das System, die strenge Methode, auch wenn die Mathematik nicht die geeignete Form für die Geisteswissenschaften sein kann. Nicht das mehr oder weniger aphoristische Denken bildet das Wesen des Philosophen, sondern der strenge- bis zur Höhe emporgeführte Gedankenbau, der zugleich den Eindruck eines Kunstwerks macht. In dem hier gezeichneten Sinne ist Spinoza der Typus des Philosophen und wird, §ub specie aeternitatis betrachtet, immer zu den ganz wenigen Denkern gehören, die das große menschliche Erkenntnisstreben repräsentieren. Freilich darf nicht übersehen werden, daß es nach ihm einen Größeren gegeben hat, der die Gedankenarbeit aller Früheren unterwühlte und durch einen neuen philosophischen Standort beinahe illusorisch machte: Immanuel Kant. Gegenüber der Aeberzeugung, daß die Vernunft alles erfassen könne, stellt er die Frage: Gibt es nicht Grenzen der Erkenntnis? Was heißt „erkennen"? Damit wird Kant der Kritiker der -Grundlage aller bisherigen Philosophie und der Schöpfer „der Kritik der reinen Vernunft". Das in seine Schranken gewiesene, erkennende Subjekt wird trotzdem der Gesetzgeber der Natur, weil das Wesen der Wirklichkeit, das Ding an sich, uns ewig verschlossen bleibt und wir nach Raum, Zeit und Kausalität unsere Welt, das Reich der .Erscheinungen, formen und gestaltend hervorbringen.' So ist das Ich in das Zentrum des Alls gestellt, das persönliche Erleben gewinnt eine - ungeahnte Bedeutung, während die Macht der Persönlichkeit im System Spinozas unberücksichtigt bleibt. Der Mikrokosmus, die Welt im Kleinen, die der Mensch darstellt, geht bei dem holländischen Denker im Makrokosmus, der Welt im Großen, auf und unter. Und damit ist das Reich der Werte verdunkelt, das Individuum mit seinem sittlichen, künstlerischen und religiösen Gefühl und seiner Stellung zur staatlichen und allmenschlichen Gemeinschaft mehr oder weniger zur Passivität verirrteilt. Spinozas Standpunkt zum religiösen Problem erscheint von hier aus in dem rechten Lichte. Religion ist ihm Gehorsam gegen die Gebote Gottes. Was in dem frommen Menschen vorgeht, sein religiöses Erleben, all die feinen, nüancierten seelischen Kräfte und Gebilde, die das Glaubensbewußtsein erzeugen und in das sie wiederum münden, die ganze Umgestaltung des inneren Menschen, die durch die Frömmigkeit bis in die entferntesten Beziehungen zu sich selbst, zu den anderen, zum All hineingetragen wird, kommt nicht zur Geltung und zum Verständnis. Darüber dürfen uns Sätze nicht täuschen, die wie ein religiöses, inneres Erlebnis klingen, etwa das Wort: „Unser Heil oder unsere Glückseligkeit bestehen in der beständigen und ewigen Liebe zu Gott oder in der Liebe Gottes zu den Menschen." Der religiösen Sprache und Gedankenwelt sind die Worte entnommen, ihr Sinn entspricht kaum dem, was die großen Kulturreligionen und die prophetischen Genies an Glaubensgedanken des Mutes und der Zuversicht, der uneigennützigen Liebe und der Sehnsucht nach einem göttlichen Persönlichkeitsideal verkündet haben. Trotzdem muß Spinoza eine religiöse Natur genannt werden. Zu tief ist bis in die Wurzeln seines Seins das religiöse Bedürfnis, der religiöse Urtrieb des jüdischen Menschen durch die innerliche Erziehung und geistig-sittliche Vererbung der Jahrtausende eingesenkt und durch die intime Kenntnis des jüdischen Schrifttums verstärkt und befestigt gewesen. Dazu kommt das harte jüdische Schicksal, unter dem selbst seine direkten Ahnen gelitten haben und das auf dem unverrückbaren Glaubensleben des Judentums beruht. Ohne unmittelbaren Einfluß auf die religiöse Gemeinschaft, die ihn aus ihrem Kreis verwiesen hat, hat er durch seinen „theologisch-polittschen Traktat" das Studium der Heiligen Schrift in neue Bahnen gelenkt. So ist er für die Geistesgeschichte der Menschheit ein mächtiger Anreger und Vollender gewesen, und auch von seinem Lebenswerk gilt der letzte Satz seiner „Ethik": „Alles Erhabene ist ebenso schwierig, wie selten."