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KC-Blätter · 1927-01-01 · Heft 1 (Januar 1927) · p. Seite 4

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 1 (Januar 1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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hat seitdem einen wunderbaren Zauber auf Gebildete und Ungebildete ausgeübt. Gerade der Pantheismus hat unserem Denker die höchste Huldigung der Einen und die schmähliche Verketzerung der Anderen eingetragen. Er ist zur Allerweltsphilosophie und zum Modesystem geworden, das Unreifen und Gedankenlosen ein bequemes Ausruhen gestattet und ihnen einen Nimbus wissenschaftlicher Erkenntnis verleiht. Und die großen Künder des deutschen Idealismus sind mächtig von ihm angezogen worden. Goethe ist dem Spinozistischen All-Eins-Gedanken während seines Lebens treu geblieben, freilich wie er ihn auffaßte, umgebogen in das echt künstlerische Sicheinsfühlen mit der Natur, ablehnend das wissenschaftliche Prinzip, das der Pantheismus Spinozas bedeutet. In der Tat ist diese Lehre ein unvollziehbarer Gedanke, der einen logischen Grundfehler darstellt. Er will das All aus dem Einen erklären, das zugleich das All ist. Gibt es denn aber nicht zwei Prinzipien, nämlich das Körperliche und das Geistige, die nicht aufeinander zurückgeführt werden können? Sind sie nicht so wesensverschieden, daß der Dualismus alles Seins festgehalten werden muß, wie Spinozas großer Vorgänger Descartes, der Begründer der neueren Philosophie, gelehrt hat? Mit unerbittlicher Konsequenz hält Spinoza an dieser Klippe, an der bisher die Denker gescheitert sind, den philosophischen Einheitsgedanken fest. Körper und Geist oder, wie er sagt, Ausdehnung und Denken sind die wesentlichen Eigenschaften (Atttibute), unter denen die göttliche Substanz unserem Verstände erkennbar wird. Alles ist Körper und Geist, je nachdem wir den Standort der Betrachtung wählen. Vom Körper aus gesehen, ist alles Geistige körperlich, und kommen wir aus der Richtung des Geisttgen, so erscheint uns auch das Körperliche geisttg. Damit aber ist nur das Prinzip der beiden Weltelemente gemeint. Alle einzelnen Dinge sind nur gleichsam Ausstrahlungen (modi) der göttlichen Substanz, nicht selbständig, nicht wesenhast, nur begreifbar durch das Eine. Mit grandiosem Wurf ist hier der Grundriß des Alls entworfen, und in innerer Geschlossenheit steht die Natur vor unserer Seele. Alle Bedenken scheinen zu schweigen, wenn wir überdies den Weg kennen lernen, auf dem Spinoza diese einheitliche Weltauffassung gewonnen hat und den er uns in langsamer Entwicklung führt. Er hat seine „Ethik" nach mathemattscher Methode bewiesen. Die exakteste Erkenntnisweise, die die Naturwissenschaft zu ungeahnten Resultaten emporgettagen hat, wird von Spinoza angewandt, um uns in das Wesen der Welt eindringen zu lassen. Die Substanz hat die Wirklichkeit nicht geschaffen, sondern diese geht aus Gott hervor mit derselben logischen Notwendigkeit, mit der aus dem Wesen des Dreiecks folgt, daß die Summe der drei Winkel gleich zwei Rechten ist. Es gibt keine Freiheit und keine Zweckmäßigkeit, keinen Zufall und keine schöpferische Intelligenz in der Welt. Sie alle sind Fikttonen des irrenden Menschengeistes, der nicht tief genug-in den Zusammenhang und das Wesen der Dinge eingedrungen ist, um überall das Walten der Kausalität zu sehen. Unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit bettachtet, herrscht überall die strenge Notwendigkeit. „Nach ewigen, ehrnen, großen Gesetzen müssen wir alle unseres Daseins Kreise vollenden." Was ist in diesem geschlossenen Weltzusammenhang der Mensch? Was ist Gut und Böse? Was ist der Grund seines Daseins? Welches das höchste Gut und letzte Ziel? Da die Freiheit des Willens ausgeschaltet ist, ist auch das Sittliche die kausal notwendige Konsequenzder menschlichen Wesensart, der Trieb nach Selbsterhaltung ist die Grundlage der Moral. „Absolut tugendhaft handeln ist nichts anderes in uns, als nach der Leitung der Vernunft handeln, leben, sein Sein erhalten (diese drei Ausdrücke bezeichnen dasselbe), aus dem Grunde, daß man den eigenen Nutzen sucht. Niemand sttebt, sein Leben um eines Anderen Willen zu erhalten." Aus der rechten Erkenntnis folgt das rechte Tun. Dieser vollendete Rationalismus Spinozas, der sich in der nüchternen Auffassung des Menschenlebens zeigt und in der logischen Zergliederung der Gemütsbewegungen, in der verstandesmäßigen Zerfaserung der innersten Empfindungen wie Lust und Schmerz, Freude und Trauer, Liebe und Haß wahre Orgien feiert („Liebe ist Freude, verbunden mit der Vorstellung ihrer äußeren Ursache"), erhebt, oder vertieft sich, wenn der Denker von der höchsten Tugend spricht, die darin ruht, die Substanz, also Gott, zu erkennen und zu lieben. Dies nennt er amor Dei intellectualis „die geistige Liebe zu Gott". Hier auf der Höhe seiner Ideen enttichtet selbst ein Spinoza dem im tiefsten Sinne irrattonalen Urgrund des Lebens seinen Tribut. Es weht etwas, wie mysttsche Verzückung, in den letzten Lehrsätzen und Beweisen seiner „Ethik", und nirgends so stark, wie hier, empfinden wir die innere Inkongruenz zwischen dem erhabensten Gedanken von der geisttgen Gottesliebe und der mathematischen Methode mit ihren Definitionen, Axiomen, Lehrsätzen, Beweisen und Zusätzen und Folgerungen. Ost scheint es, als ob dabei der. Geist die Form sprengen müßte, aber der strengste Intellektualismus eines Spinoza überwindet sich auch da, wo er durch mystisches Träumen sich untteu werden würde. Man hat es dem Denker verübelt, daß er überhaupt diese geistige Liebe zu Gott in seine Ge-

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